Nataly Kogan ist Unternehmerin, Künstlerin und Expertin für Transformation und Führung. Sie hat REINVENT•ABILITY™ entwickelt, ein Rahmenkonzept, das Führungskräften dabei hilft, Veränderungen als Katalysator für ihr Wachstum zu nutzen und neue Entwicklungsmöglichkeiten auszuloten. Im Alter von 13 Jahren flüchtete sie mit ihren Eltern aus der Sowjetunion in die USA. Englisch lernte sie mit der Fernsehserie «Who’s The Boss?». Ihre Karriere umfasst Stationen bei McKinsey und Microsoft; sie arbeitete im Risikokapitalbereich und bei fünf Tech-Start-ups. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs erlitt sie ein Burnout. Dieser Einschnitt wurde zum Auslöser für ihre persönliche Neuorientierung – und für die Entwicklung ihres Rahmenkonzepts, das sie heute Führungskräften und Organisationen vermittelt, die sich im Wandel befinden.

 

WOMEN IN BUSINESS: Nataly Kogan, wie Menschen sich selbst Grenzen setzen, ist ein zentrales Motiv in Ihrer Arbeit.

Nataly Kogan: Alles, was ich tue, ist von meinen eigenen Erfahrungen geprägt. Ich bin in Russland aufgewachsen, als Teenager mit meinen Eltern in die USA geflüchtet und habe mir eine sehr erfolgreiche Karriere aufgebaut. Ich war in der Finanz- und Tech-Branche tätig und habe Unternehmen aufgebaut. In vielen Organisationen war ich die jüngste Frau in einer Führungsposition. Und doch hatte ich nie das Gefühl, mein Potenzial wirklich auszuschöpfen, tatsächlich etwas zu tun, das für mich wichtig ist. Also habe ich mich einfach noch mehr angestrengt, härter gearbeitet, aber nichts davon hat funktioniert. Irgendwann merkte ich, dass mich das, was ich über mich selbst dachte, einschränkte. Erst mit dieser Erkenntnis konnte ich mich neu definieren.

 

Damit sind Sie wohl nicht die Einzige …

Mittlerweile habe ich mit Zehntausenden von Menschen gearbeitet, hauptsächlich mit erfolgreichen, berufstätigen Frauen. Was sie zurückhält, ist nie der Mangel an Zeit, Einsatz, Intelligenz, Disziplin oder Willenskraft. Tatsächlich sind es die Geschichten, die sie seit ihrer Kindheit mit sich herumtragen, Geschichten darüber, was ihnen zusteht und wozu sie fähig sind.

 

Am 29. Oktober halten Sie im Rahmen der Initiative She’s Mercedes in Zürich einen Vortrag. Was erwartet die Teilnehmerinnen?

Ich werde über das von mir entwickelte Modell, das REINVENT•ABILITY™-Framework, sprechen. Dabei geht es darum, wie wir unsere Fähigkeiten nutzen, um zu der Person zu werden, die wir wirklich sein wollen.

 

Ihre Kernbotschaft?

Veränderung ist eine Herausforderung, egal, ob wir sie selbst herbeiführen oder sie uns widerfährt. Gleichzeitig bietet sie uns die Chance, zu wachsen, wenn wir sie als solche annehmen. Das hat sich in meinem Leben immer wieder bewahrheitet. Meine Kernbotschaft lautet daher: Ihr seid zu allem fähig, was ihr euch wünscht. Es ist wichtig, Veränderung als Katalysator zu begreifen, statt als etwas, das man nur überstehen muss. Denn Veränderung eröffnet uns die Möglichkeit, zu wachsen, mehr von dem zu tun, was wir wirklich wollen, und mehr zu der Person zu werden, die wir sein möchten.

 

Derzeit verändert sich die Welt rasant. Unser Gehirn sieht Veränderungen aber gerne als Bedrohung. Es mag das Vertraute, darum fallen uns Veränderungen auch so schwer. Genau darum lautet meine Botschaft: Wir sind die Künstler unseres Lebens. Wir gestalten stets, was als Nächstes kommt, und Veränderung bietet uns eine tolle Gelegenheit, genau das zu tun.

 

Sie arbeiten hauptsächlich mit Frauen. Was reizt Sie besonders daran, vor einem rein weiblichen Publikum wie dem in Zürich zu sprechen?

Wir werden zusammen in einem Raum sein und viele ähnliche Überzeugungen teilen. Wenn ich dazu beitragen kann, ein oder zwei dieser Überzeugungen neu zu formulieren, hilft das allen. Ich stelle immer wieder fest, dass wir Frauen uns stärker zurückhalten als Männer. Und auch hier gilt: Das ist nicht unsere Schuld. Es sind Überzeugungen, die wir seit unserer Kindheit verinnerlicht haben – etwa, dass wir vorsichtig sein und uns um andere kümmern sollten.

 

Es gibt sicher auch Männer, die sich einschränken. Oder haben die grundsätzlich andere Herausforderungen?

Ich arbeite tatsächlich mit vielen Männern zusammen und halte oft Vorträge vor männlichen Führungskräften. Als Kinder verfügen wir noch nicht über ein vollständig entwickeltes «denkendes» Gehirn. In den ersten Lebensjahren ist vor allem das emotionale Gehirn aktiv. Deshalb entstehen viele unserer Überzeugungen durch emotionale Assoziationen. Wenn wir zum Beispiel in der Grundschule mit einer guten Note nach Hause kommen, einen Stern ins Heft bekommen und unsere Eltern klatschen oder uns umarmen, entwickeln wir wohlmöglich die Überzeugung: Ich werde nur geliebt, wenn ich etwas leiste. Das ist zwar vermutlich nicht das, was unsere Eltern beabsichtigen, doch diese Überzeugung kann sich festsetzen. So entwickeln wir alle Überzeugungen, die uns irgendwann im Leben geholfen haben, uns als Erwachsene jedoch einschränken.

 

Sie hatten ein Burnout. Wie hat Sie das verändert?

Ich habe ein Unternehmen geleitet, und es kam ein Punkt, an dem ich nicht mehr richtig funktionieren konnte. Ich musste die Stopptaste drücken und einen anderen Weg finden. Die körperliche Erholung kam rasch, schwieriger war es, mir selbst die Wahrheit darüber einzugestehen, was ich eigentlich tun wollte. Die meisten Frauen mit grosser Verantwortung fragen sich nie: Was will ich? Sie fragen: Was soll ich tun? Ich habe einfach immer das getan, was von mir erwartet wurde. Nun musste ich ehrlich zu mir sein und mir eingestehen, dass ich keine Tech-CEO sein wollte. Also habe ich alles über den Haufen geworfen und meine ersten beiden Bücher geschrieben. Ich begann, Vorträge zu halten und mit Führungskräften zu arbeiten. Und ich fing an, Kunst zu machen – etwas, das ich mir vorher nie erlaubt hätte.

 

Die Corona-Pandemie war ein tiefer Einschnitt in unser aller Leben. Wie hat sie sich auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Das war eine sehr intensive Zeit. Während der Pandemie habe ich weltweit rund 300 Referate gehalten, etwa ein Drittel davon ehrenamtlich. Ich habe kostenlos vor Ärztinnen und Lehrern auf der ganzen Welt gesprochen und ihnen meine Hilfe angeboten, weil sie eine wichtige Arbeit leisten. Heute stelle ich fest, dass die künstliche Intelligenz und die Veränderungen, die sie mit sich bringt, die Menschen noch viel mehr umtreiben. Viele erkennen, dass sie nicht einfach so weitermachen können wie bisher. Entweder werden sie von Veränderungen überrollt – KI bringt vieles ins Wanken – oder sie nehmen sich einen Moment Zeit, um sich zu fragen: Was möchte ich eigentlich in meinem Leben tun?

 

Sie glauben nicht, dass Geduld eine Tugend ist. Wieso?

Ich glaube, dass wir im Leben mutig sein und uns selbst herausfordern sollten. Die Forschung zeigt, dass wir uns nicht dauerhaft in unserer Komfortzone einrichten dürfen, wenn wir vital bleiben wollen. Wenn ich davon spreche, dass Geduld keine Tugend ist, meine ich damit Menschen, die sagen: «Ach, das mache ich dann, wenn die Kinder gross sind.» Ich glaube, wir sollten im Leben das tun, was uns lockt und wozu wir uns berufen fühlen.

 

Welche Werte möchten Sie Ihrer Tochter vermitteln?

Meine Tochter ist 22. Dass sie meine Wandlung miterleben durfte, war wohl eines der grössten Geschenke, die ich ihr machen durfte. Sie hat meinen Mut zur Veränderung gesehen, wie ich gelernt habe, mir selbst die Wahrheit darüber einzugestehen, was ich will, und es dann auch umzusetzen. Es ist wunderbar, zu sehen, dass auch sie so lebt – auf ihre eigene Weise.


Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Wir Menschen sind nun einmal so: Wenn etwas passiert, das wir nicht wollen, ist das ärgerlich, frustrierend und traurig. Ich finde es wichtig, dass wir diese Gefühle zulassen. Anstatt zu fragen: «Warum passiert mir das?», frage ich: «Was kann ich daraus lernen? Wohin führt mich das?»

 

Sie sind auch Malerin. Profitieren die Künstlerin und die Unternehmerin in Ihnen voneinander?
Ich glaube, dass man sie nicht trennen kann. Ich wollte mein ganzes Leben lang malen. Aber ich habe es mir nie erlaubt, weil ich mir immer eingeredet habe, dass Kunst nicht zu mir passt. Ich glaubte, meine Aufgabe sei es, mich um meine Familie zu kümmern und eine erfolgreiche CEO zu werden. Nach meinem Burnout habe ich mir endlich erlaubt, zu malen. Es ist erstaunlich, was im Leben passiert, wenn wir die Teile von uns selbst annehmen, die wir zuvor verleugnet haben. In meinem Leben begann alles zu blühen – nicht nur die Kunst, sondern auch ich als Person. Und so bin ich Unternehmerin, Künstlerin, Mutter und Ehefrau zugleich. Für mich ist das Leben kein Weg mit einem Ziel am Horizont. Es ist ein Gemälde, an dem wir ständig weitermalen.

 

 

She's Mercedes Event

The REINVENT•ABLE™ Mindset.

Ein Abend über Veränderung, innere Stärke und den Mut, sich weiterzuentwickeln: Beim She’s Mercedes Event zeigt Nataly Kogan, wie das REINVENT•ABLE™ Mindset neue Perspektiven eröffnet.

 

Der Event wird in Englisch durchgeführt.

Nataly Kogan in neonfarbenem Outfit macht einen spielerischen Kick vor türkisfarbenem Hintergrund.