Auktionator Serge Stotzer: «Ein Oldtimer ist auch Kunst.»

Nirgends auf der Welt gibt es pro Kopf mehr Oldtimer als in der Schweiz. Experten schätzen, dass der Gesamtwert aller Oldtimer hierzulande bei knapp acht Milliarden Franken liegt. Viele davon werden über die Oldtimer Galerie Toffen gehandelt. Wir waren mit Juniorchef und Auktionator Serge Stotzer unterwegs an den OlderClassics.
 

29. Juni 2021
 

Schöner kann ein Sonntagmorgen für Oldtimer-Fans nicht sein. Die Sonne strahlt durch «The Valley» in Kemptthal bei Winterthur und tanzt auf dem polierten Chrom der rund 1000 Young- und Oldtimer. Wo es früher nach Suppenwürfeln von Maggi roch, liegt heute der Geruch von verbleitem Benzin mit einer Prise frischen Motoröls in der Luft. Einmal im Monat trifft sich hier die Community zum buchstäblichen Stelldichein an den OlderClassics.

 

Dass «alte Autos» ein beliebtes Schweizer Hobby sind, täuscht nicht. Hierzulande gibt es das höchste Pro-Kopf-Aufkommen von Young- und Oldtimern der Welt. In der Schweiz sind rund 156‘000 Veteranenfahrzeuge angemeldet, unzählige weitere Juwelen schlummern nicht eingelöst in Garagen.

 

Viele der Schönheiten, die sich an den OlderClassics aneinanderreihen wie Perlen an einer Kette, stammen von Toffen, der wohl ersten Adresse in der Schweiz, wenn es um Oldtimer geht. Und er kennt sie alle: Serge Stotzer, der Sohn des Gründers der Oldtimer Galerie Toffen. Keine zehn Meter kann der 27-Jährige gehen, ohne dass er in einen Schwatz verwickelt wird. Seit zwei Jahren ist er offiziell Mitinhaber des grössten Oldtimer-Handelsplatzes der Schweiz.

 

Wurde Ihnen die Leidenschaft für alte Autos in die Wiege gelegt? 

Kann man so sagen: Ich wurde schon im Kindergarten immer mit Oldtimern abgeholt und wuchs quasi in der Patina vergangener Zeiten auf. Mich haben die Gerüche der alten Autos fasziniert. Und die Beschaffenheit des Innenraums, besonders der Sitze. Natürlich auch der Klang der Motoren. Ich habe meine Freizeit oft in der Galerie bei meinem Vater verbracht. So bin ich einfach ins Ganze hineingewachsen.

Serge Stotzer nimmt einen Mercedes-Benz 220 S Coupé unter die Lupe.

Serge Stotzer nimmt einen Mercedes-Benz 220 S Coupé unter die Lupe.

Serge Stotzer nimmt einen Mercedes-Benz 220 S Coupé unter die Lupe.
Serge Stotzer nimmt einen Mercedes-Benz 220 S Coupé unter die Lupe.
Serge Stotzer nimmt einen Mercedes-Benz 220 S Coupé unter die Lupe.

Was ist das Schönste an Ihrem Beruf als Auktionator?

Alle, die bei uns ein Auto kaufen, fahren mit einem glücklichen Lächeln vom Platz.

 

Was bewegt Menschen dazu, ein «altes Auto» zu kaufen?

Oft sind es emotionale Gründe. Meist sind die gewünschten Fahrzeuge verknüpft mit Erinnerungen aus der Kindheit oder ein Jugendtraum, den man sich jetzt leisten kann und will.

 

Wie sollte ein Einsteiger beim Kauf eines Oldtimers vorgehen?

Hat man sich den Budgetrahmen gesetzt, sollte man sich in sein Traumobjekt reinsetzen und sich vom ersten Moment an wohlfühlen. Ein Oldtimer sollte einem in erster Linie gefallen. Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen. Wir sagen immer: Schaut euch das Auto genau an. Nehmt einen Mechaniker des Vertrauens mit und durchleuchtet den Wagen auf der Hebebühne, studiert die Papiere und vergleicht die Angebote.

 

Was ist der Unterschied zwischen Oldtimer-Auktionen und anderen Versteigerungen?

Über ein altes Auto gibt es viel zu erzählen. Dahinter stecken teilweise spannende Geschichten, die wir im Vorfeld der Auktionen zu den Autos sammeln. So kann ein berühmter Vorbesitzer das Auto um ein Vielfaches teurer machen. Oder eine spezielle Seriennummer.

 

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Auktionator bei Versteigerungen?

Wir verstehen uns als Kulturgutverwalter. Ein Oldtimer ist ja auch Kunst. In vielen Tausend Arbeitsstunden wurde er von Hand gefertigt und dann während Jahrzehnten gepflegt. Man kann sich schon einen Picasso kaufen, aber damit kannst du nicht rumfahren.

 

Sind Autos eine gute Wertanlage?

Die beiden letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass sich der Markt allgemein wellenartig bewegt. Aber bei einigen Modellen würde man in der Börsensprache schon von einer sehr guten Performance sprechen. Zum Beispiel kostete ein Mercedes-Benz 300 SL Mitte der 1970er Jahre noch ein paar Tausend Franken. Rund 50 Jahre später ist der Wert auf über eine Million Franken gestiegen.

Manche Raritäten bleiben auch für den Experten ein Traum.

Manche Raritäten bleiben auch für den Experten ein Traum.

Manche Raritäten bleiben auch für den Experten ein Traum.
Manche Raritäten bleiben auch für den Experten ein Traum.

Wie erkennt man einen Klassiker der Zukunft? 

Eine Formel gibt es dafür nicht, aber als eine wertstabile Investition zeigten sich für die Strasse zugelassene Fahrzeuge aus einer Rennserie mit geringer Stückzahl. Zum Beispiel: der Mercedes-Benz 190 E EVO 2. Vor rund sieben Jahren war der Preis dafür im Keller, ging aber in den letzten Jahren steil nach oben.

 

Welche Trends kann man zurzeit ausmachen?

Aktuell boomen Youngtimer aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Viele wollen sich heute ihren Traum von damals erfüllen und kaufen sich ihr Traumauto als Youngtimer. Das wird wohl auch in Zukunft so sein.

 

Warum sind Mercedes-Benz so beliebt auf dem Oldtimermarkt?

Als Erfinder des Automobils baut Mercedes-Benz schon seit über einem Jahrhundert qualitativ hochwertige Autos, die sehr zuverlässig sind, mit überschaubarem Wartungsaufwand und zeitlosem klassischem Design.

Serge Stotzer kam mit einem Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 nach Kemptthal.

Serge Stotzer kam mit einem Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 nach Kemptthal.

Serge Stotzer kam mit einem Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 nach Kemptthal.
Serge Stotzer kam mit einem Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 nach Kemptthal.
Serge Stotzer kam mit einem Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 nach Kemptthal.

Welchen Mercedes-Benz würden Sie selbst ersteigern, wenn Geld keine Rolle spielen würde?
Ganz klar: den Mercedes 300 SLR, 1955 #722. Stirling Moss’ Rekord-Auto der Mille Miglia. Aber das wird wohl immer ein Traum bleiben.