«Der Weg nach oben ist nicht linear»

Daniela Ryf ist eine der besten Triathletinnen der Welt und Ambassadorin für Mercedes-Benz. Im Interview erzählt sie, was eine Ironman-Teilnahme mit einer durchtanzten Nacht zu tun hat und warum sie lieber auf ihre Intuition als auf Messdaten vertraut.

16. November 2020


Daniela, wie bist du eine der besten Triathletinnen der Welt geworden: dank ganz viel Talent oder mit enorm viel Training?

Es braucht wohl beides. Und auch ein entsprechendes Umfeld. Meine Eltern haben früh viel Sport mit mir gemacht. Sie und auch mein erster Coach haben mir von Anfang an die nötige Portion Disziplin eingeimpft. Früh anzufangen war sicher ein Vorteil. Diese Zeit holt man nicht mehr auf, wenn man erst spät mit einer Disziplin startet. Ich habe von Beginn weg hart trainiert, aber auch viel Spass in den Teams gehabt – ganz nach dem Motto «train hard, win easy».

 

Bei allem Spass: «Train hard» klingt nach vielen Entbehrungen. Wie gehst du damit um?
Ich sehe das nicht als Verzicht. Ich trainiere gern und mag es, wenn mein Leben in sehr intensiven Zeiten praktisch nur noch in drei Phasen abläuft: trainieren, essen, schlafen. Das hat etwas Meditatives. Zudem ist die Konstanz im Training entscheidend, um Höchstleistungen zu erzielen. Ich bin darum bereit, immer dranzubleiben – egal, ob grad Weihnachten, Neujahr oder ein Geburtstag anstehen.

 

Wo bleibt da die Freude im Leben?
(Lacht.) Die habe ich, keine Frage! Ich pflege meine Freundschaften, auch wenn ich viel unterwegs bin. Ich gehe Skifahren, weil ich das mag. Und ich absolviere ja auch noch ein Studium, das Herausforderung und Spass zugleich bedeutet. Ich brauche eine gute Balance, um erfolgreich und glücklich zu sein! Aber klar ist auch: Der eigene Körper ist zentral für meinen Sport. Alles, was ich mache oder worauf ich verzichte, hat direkte Auswirkungen auf meinen Körper und damit auf meine Leistungsfähigkeit.
 

Der Körper ist das Eine. Wie entscheidend ist die mentale Stärke?
Sie ist in zweierlei Hinsicht ausschlaggebend. Erstens entscheidet nicht zuletzt der Kopf darüber, wie konstant ich trainieren und wie stark ich dabei über meine physischen Grenzen hinauswachsen kann. Ohne diese mentale Härte kommt man nicht auf den nötigen Fitnesslevel. Zweitens muss ich am Tag X im Rennen meine Leistung auch abrufen können. Ich habe das Glück, dass ich das sehr gut kann. Oft bin ich im Rennen nochmals zu einer Steigerung gegenüber dem Training fähig.

 

Athleten werden heute umfassend vermessen. Wie wichtig sind für dich Daten, um deine Leistungsfähigkeit zu steigern?
Ich halte davon wenig. Ich messe meinen Puls und gut ist. Ich kann mir im Training nicht jedes Mal den Druck machen, bessere Werte als beim letzten Mal zu erreichen. Der Weg nach oben ist nicht linear. Vielmehr geht es um eine Tendenz, die klar nach oben zeigen muss. Gerade im Rennen vertraue ich sehr stark auf meine Intuition, mein Körpergefühl. Ich spüre, wenn ich schnell unterwegs bin und einen guten Tag habe. Das muss ich nicht messen! Mehr noch: Würde ich strikt nach Gerät laufen und Rad fahren, würde ich vielleicht gar nicht das Maximum aus mir herausholen.
 

Spürst du während einem Rennen, dass es besonders gut läuft?
Ja. Ich komme dann in einen Flow und denke an nichts, nicht einmal an die Zeit, die läuft. Das fühlt sich so ähnlich an, wie wenn man stundenlang im Club tanzt und die Zeit völlig vergisst. Meine Erfahrung ist: Je mehr ich denke, umso länger fühlt sich das Rennen an.

 

Und was, wenn es nicht gut läuft? Woher holst du deine Motivation, deine Inspiration?
Es gibt Tage, an denen der Sieg nicht möglich ist. Das ist eine Realität. Mein Anspruch an mich ist, dass ich stets das Maximum aus meinem Körper heraushole, das Beste gebe. Menschen mit dem gleichen Ansporn inspirieren mich. Das können Freundinnen von mir sein, die einen ganz anderen Lebensplan haben, oder Unternehmer mit grosser Leidenschaft für ihre Ziele. Oder eine Marke wie Mercedes-Benz mit ihrem Anspruch «Das Beste oder nichts».

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