Ingenieur Christian Horn erzählt, wie bei Mercedes-Benz die Sprachsteuerung weiterentwickelt wird. Und er erklärt, wie mit künstlicher Intelligenz (KI) aus einem Befehlsempfänger ein Assistent mit eigenem Charakter wird.
1. Oktober 2025
Herr Horn, wie sieht Sprachsteuerung im Auto heute aus und wie wird sie in Zukunft aussehen?
Die bisherigen Generationen unseres Systems legten den Fokus auf einen natürlichen Sprachdialog, bei dem man nicht mehr im Befehlston sprechen muss. Der nächste Entwicklungsschritt ist ein digitaler Begleiter mit vier Haupteigenschaften: Er soll natürlich, persönlich, empathisch und vorausschauend sein. Der Sprachassistent im Auto kann in Zukunft auch Schlussfolgerungen ziehen und dazulernen.
Ich sage also: «Es schneit!», und das System schaltet die Heizung höher und setzt den Scheibenwischer in Gang?
Mehr noch: Die Idee ist die, dass das System in einem situativen Kontext proaktiv Vorschläge macht.
Wie weit kann das gehen?
Es soll so weit gehen, dass der Mercedes-Benz von morgen seine Fahrerin und seinen Fahrer so gut kennt wie nie zuvor. Der virtuelle Assistent im Auto wird das Leben unserer Kundinnen und Kunden verbessern und bereichern – in ihrem Fahrzeug und auch in anderen Bereichen. Ein konkretes Beispiel: Wenn Sie sich zu einem im Kalender eingetragenen Termin verspäten, kann das System anbieten, sich für Sie direkt aus dem Fahrzeug heraus einzuwählen.
Kann ich irgendwann einmal sagen: «Brems!», und dann bremst das Auto?
Nein. Sicherheitsrelevante Funktionen wie Bremsen oder Beschleunigen und entsprechende Systeme unterstützt unsere Sprachsteuerung bewusst nicht. Es geht primär ums Infotainment und darum, wie ich mit verschiedenen Elementen des Fahrzeugs kommuniziere.
Nach welchen Kriterien entwickeln Sie elektronische Features für Mercedes-Benz?
Erst einmal gibt es die Bestands-Features, die wir laufend weiterentwickeln. Unsere Funktion «Just Talk» etwa erlaubt es heute, das Auto einfach anzusprechen, ohne vorher wie früher jedes Mal «Hey Mercedes» zu sagen. Diese Weiterentwicklung bringt den Kundinnen und Kunden eindeutig mehr Komfort.
Und wie entstehen ganz neue Features?
Dafür haben wir einen bewährten sogenannten Ideation-Prozess. Im Zentrum steht die Frage: Was bringt den Kundinnen und Kunden einen wirklichen Nutzen? Dann orientieren wir uns auch daran, welche bestehenden Funktionen gut genutzt werden. Und wir führen Tests mit Betaversionen durch, bevor ein Feature auf den Markt kommt.
Das Auto scheint schon fast zum Gesprächspartner zu werden.
Ja, es geht ein bisschen in diese Richtung. Das System entfernt sich immer weiter vom klassischen Befehlsempfänger, den wir 1996 als einer der ersten Hersteller überhaupt eingeführt haben. Es entwickelt sich in Richtung Begleiter oder gar Freund im Auto mit gewissen Charaktereigenschaften. Es kann einen beim Einsteigen persönlich begrüssen und auch darauf hinweisen, wenn man beim Aussteigen sein Handy im Auto liegen lässt. Diese Funktion finde ich persönlich sehr praktisch.
Dann könnte ich das Auto irgendwann auch nach den Sehenswürdigkeiten in der Region fragen?
Das können Sie heute schon. Wenn ich frage: «Was ist das für ein Gebäude rechts?», sucht das System mittels GPS-Koordinaten entsprechende Wikipedia-Einträge. In einigen Ländern erklärt Ihnen unser Tourguide laufend die Sehenswürdigkeiten der Umgebung.