Romy Müller und Mario Bandow aus Staufen (AG) haben ihre Siebensachen, ihre zwei Kinder und einen Mercedes-Benz 1429 mit Baujahr 1993 gepackt und sind losgefahren. Nicht einfach so – und schon gar nicht ohne gute Planung. Lesen Sie, was es braucht, um das Abenteuer Freiheit in die Realität umzusetzen.

24. August 2023

Was bewegt einen dazu, den Komfort und die Sicherheit, die das Leben in der Schweiz bieten, hinter sich zu lassen? Ist es eine romantische Sehnsucht? Idealismus? Oder gar Wagemut? «Jobs fill your pockets, adventures fill your soul» lautet das Motto einer modernen Nomadenfamilie aus der Schweiz. Der Traum vom Abenteuer ist leicht zu träumen. Ihn auch zu verwirklichen? Bedeutend schwieriger! Oder muss man es einfach nur unbedingt wollen? Romy Müller und Mario Bandow aus Staufen (AG) haben den traditionellen Lebensstil hinter sich gelassen und bereisen seit November 2022 mit ihrem Expeditionsmobil Ellie die Welt. Davor gab es einige Aufgaben zu lösen: Klarheit schaffen, Finanzplan aufstellen, Route planen mit allem Drum und Dran, Herausforderung annehmen. «Der Zeitpunkt ist nie perfekt, aber wir haben den Rahmen dafür geschaffen», sagt Romy Müller.

Abenteuerlust im Blut
Die Familie folgte dem klassischen Arbeits- und Kitaalltag. Tochter Sherine ist vier, Sohn Sam drei Jahre alt. Romy arbeitet als virtuelle Assistentin und Webdesignerin, Mario ist Versicherungs- und Vorsorgeberater. Die Eltern hatten schon immer Abenteuerlust im Blut. Ihre Neugierde stillten sie mit Reisen, organisierten sieben Jahre lang selbst Safaris in Afrika. «Die Faszination für Offroad kam 2018, als wir an der Budapest-Bamako-Rallye teilgenommen haben», so Romy Müller. Eine Erfahrung, die sie oft an ihre Grenzen gebracht, sie aber auch viel gelehrt habe. Nun also mit einem umgebauten Feuerwehrauto, der ganzen Familie und der Aufgabe, weiterhin den Lebensunterhalt sicherzustellen. «Wir sehnten uns einfach nach Freiheit und neuen Erfahrungen – und zwar gemeinsam als Familie», erzählt Romy Müller. «Unser Wunsch war es, Familie, Reisen und Arbeiten zu kombinieren.» Sie schufen sich vorab ein finanzielles Polster zur Absicherung, erstellten einen Finanzplan und analysierten, wie viel Einnahmen sie während der Reise benötigen würden. Romy kann dank mobilem Internet von jedem beliebigen Ort aus arbeiten. Sie unterstützt Manager und Firmeninhaber bei der Organisation ihres Management-Offices, plant unter anderem Events und erstellt kreative Websites.

Dass das Arbeiten auf Reisen so gut funktioniert, verdankt sie auch Mario. Er hält Romy den Rücken frei, kümmert sich um das Fahrzeug, die Reiseplanung und um ihre Kinder, die sich noch im Vorschulalter befinden. Das war auch der Grund, weshalb sie jetzt diesen Schritt gewagt haben.

Ellie – gesucht und gefunden
Auf der Wunschliste für das Fahrzeug stand: Mercedes-Benz, Allrad, Zweiachser, Fahrerhaus mit mindestens vier Sitzen und Platz für eine sechs Meter grosse Wohnkabine. «Ein Lottogewinn wäre einfacher», lacht Romy Müller, aber die Familie hatte Glück und fand in Wettingen (AG) ein Feuerwehrauto, Baujahr 1993. Dieser Mercedes-Benz «Oldtimer» mit Allradantrieb und 290 PS war in einem sehr guten Zustand und hatte nur 20 000 Kilometer auf dem Zähler. «Wir wissen die Qualität von Mercedes-Benz durch unser vorheriges Modell Sprinter zu schätzen. Und für einen älteren Lastwagen dieser Marke bekommen wir auf der ganzen Welt Ersatzteile. Ausserdem kann ein solches Fahrzeug auch in Werkstätten repariert werden, in denen nur mit einfachen Mitteln gearbeitet und geschraubt wird.» Expeditionsmobil Ellie entstand letztlich aus zwei Fahrzeugen. «Den Wohncontainer haben wir einer Familie aus Deutschland abgekauft und ihn nach unseren Wünschen umgebaut. Dabei war uns wichtig, dass wir technisch so ausgestattet sind, dass wir autark leben und auch jederzeit und überall arbeiten können», so Romy Müller. Küchen- und Arbeitsgeräte sowie zwei E-Bikes werden mit Solarstrom betrieben. Kleinere Reparaturen am Auto kann Mario selbst durchführen, bei grösseren Reparaturen und technischen Problemen muss Ellie in die Werkstatt.

Neue Freundschaften
Mehr Zeit für die Kinder, gleichzeitig arbeiten und unterwegs sein. Beim Abenteuer Nomadenleben ist nicht nur die Vorbereitung eine Herausforderung. Einerseits ist da die Arbeit, andererseits das Wohlergehen der Kinder, und manchmal meldet sich auch das Heimweh. «Für meine Arbeit gibt es die Videokonferenzprogramme Teams und Zoom. Das funktioniert sehr gut. Unsere Familien und Freunde vermissen wir natürlich, aber wir nutzen sehr viel Videotelefonie und Social Media oder planen die Routen so, dass wir sie unterwegs treffen», erzählt Romy Müller. Gleichzeitig habe man die Chance, unterwegs neue Freundschaften zu schliessen. «Das Spannende sind ja die Menschen.» Auch für die Kinder sei diese einzigartige Erfahrung wichtig. «Wir sind fest davon überzeugt, dass das Reisen ihre Anpassungsfähigkeit, Sensibilität und Selbstständigkeit fördert.» Tochter Sherine ist seit August kindergartenpflichtig. Entsprechende Lerninhalte vermitteln ihr die Eltern unterwegs. Bis sie in die Primarschule kommt, bleibt noch etwas Zeit. Ob die Familie dann wieder in die Schweiz zurückkehrt oder alternative Unterrichtsmethoden wählt, ist noch offen.

Richtig runterfahren
Afrika, das ist die grosse Liebe von Romy Müller und Mario Bandow. «Der Kontinent erdet uns jedes Mal. Wir merken, dass wir mit weniger glücklich sind, und können richtig runterfahren. Obwohl Afrika voller Extreme ist.» Endlose Savannen, majestätische Berge und abgelegene Dörfer mit urtümlicher Lebenskultur beeindrucken die Familie ebenso wie die Fröhlichkeit und Herzlichkeit der Menschen. «Aber natürlich sind wir uns auch der Risiken bewusst, etwa, was die politische Situation in einigen Ländern betrifft oder den Zustand der Wege, Pisten und Strassen.» In diesem Herbst peilt die Familie Südafrika an. Bei der Routenplanung hilft ein Offroad-Navigationsgerät. «Und unser Bauchgefühl», ergänzt Romy Müller. «Unser Ziel ist es, unsere Reisen auch wirklich geniessen zu können. Gleichzeitig sensibilisieren sie uns für die Herausforderungen, vor denen wir in Bezug auf unseren Planeten stehen. Das Leben ist einfach zu kurz für ‹irgendwann›.»

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