Frau Engelhardt, warum braucht ein Auto einen eigenen Duft?
Viele Menschen verbringen täglich mehrere Stunden in ihrem Auto. Eine solche Reise kann anstrengend oder angenehm sein. Bei dieser Wahrnehmung kann ein Duft eine entscheidende Rolle spielen: Harmonische Duftwelten wirken sich positiv auf die Stimmung beim Autofahren aus.
Was ist bei der Entwicklung eines Parfums für ein Auto zu beachten? Gibt es einen Unterschied zur Entwicklung eines «normalen» Parfums?
Ein Fahrzeugduft liegt zwischen einem Körperparfum und einem Raumduft. Im Vergleich zu einem Wohnzimmer ist der Innenraum des Autos kleiner und etwas sehr Persönliches. Und was es ganz besonders macht, ist die ständig wechselnde Aussicht aus dem Fahrzeug heraus. Ein Auto ist ein sich bewegendes «Zimmer mit Ausblick». All dies muss berücksichtigt werden, wenn es darum geht, einen passenden Duft für ein Auto und seine Passagiere zu kreieren.
Wie gehen Sie die Aufgabe an, Düfte für die Marke Mercedes-Benz zu kreieren? Und welche Vorgaben haben Sie?
Das Ziel ist immer ein ganzheitliches Innenraumkonzept, das alle Sinne berücksichtigt. Mein Ausgangspunkt sind also der Kontext des Autos in seinem kulturellen Umfeld und die angestrebte Nutzung. Auch die Geschichte der Marke und ihrer Fahrzeuge spielt natürlich eine grosse Rolle. Auf der Suche nach passenden Duftnoten für ein neues Modell arbeite ich eng mit den Kollegen aus Entwicklung, Design und Produktmanagement zusammen, um zunächst das Fahrzeugkonzept zu verstehen. Anschliessend beginne ich, basierend auf meiner Intuition und zusammen mit unserem Parfümeur, zu experimentieren – mit der Kombination verschiedener Arten von produzierbaren Gerüchen.
Wie entsteht dann ein Fahrzeugduft und wie lange dauert es, bis er fertig ist?
Den ersten Teil des Prozesses übernehme ich: Dafür rede ich mit den Innendesignern und dem Vertrieb, mache mich mit der Geschichte des Modells vertraut, verinnerliche seine Form. Ich setze mich ins Auto und nehme seinen Charakter wahr. Dann kommt es auf die Assoziationen an, die ich in dem Auto erlebe. Ich versuche, diese Assoziationen in den Duft für das Fahrzeug zu legen, und briefe dann den Parfümeur.
Von ihm bekomme ich anschliessend vier bis fünf Muster zum Kennenlernen. Das heisst, ich nehme sie mit ins Auto und teste die Düfte, fahre sie sozusagen Probe. Auf diese Weise treffe ich eine Auswahl und diskutiere dann mit dem Parfümeur über Details wie die Intensität. Anschliessend folgt die Testphase. Wir testen nicht mit Kunden, sondern mit Kollegen von Mercedes-Benz. Sie nehmen den Duft mit nach Hause, erfahren ihn und geben mir dazu Rückmeldung. Wenn wir schnell sind, brauchen wir für diesen Prozess gut ein Jahr.
Konkret gefragt: Wie duftet Luxus?
Das kann ich nicht pauschal beantworten. Die Wahrnehmung von Luxus ist sehr individuell und eng mit persönlichen Dufterlebnissen verbunden. Diese erinnern an vergangene als luxuriös empfundene Erfahrungen und schaffen so eine subjektive Bindung zum Luxusduft.
Und wonach duftet ein Familienauto?
Ich habe einen solchen Duft noch nicht kreiert. Aber mein Traum wäre ein Familienauto, das nach Zirkus oder Schwimmbad riecht und die entsprechenden Erinnerungen auslöst.