Raphael Kälin fährt seit über zehn Jahren elektrisch – auch dank Solarstrom vom eigenen Dach. Was als Experiment begann, ist für den Innerschweizer längst Alltag geworden. Heute will er nicht mehr zurück.

 

9. Mai 2025

 

«Ich bin kein Öko-Aktivist», stellt Raphael Kälin gleich zu Beginn lachend klar. Der 64-jährige Innerschweizer, verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern, steht an einem angenehmen Frühlingstag mitten im Garten seines Hauses im beschaulichen Gross bei Einsiedeln. Aufmerksam blickt er auf das iPad in seinen Händen, dann auf die Solaranlage auf dem Dach und an der Hausfassade und schliesslich in den Himmel. Einige Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Wolken. Kälin lächelt zufrieden: «Aktuell liefert die Sonneneinstrahlung immerhin 9,7 kW.» Weil im Haus gerade wenig Strom verbraucht wird, speist er die überschüssige Energie ins Netz des lokalen Stromanbieters.

 

Kälins Begeisterung für Strom liegt in der Familie. Sein Vater war der erste Mitarbeiter des Elektrizitätswerks (EW) Höfe, weshalb Kälin schon als Kind oft in der Nähe von Wasserwerken unterwegs war. Wirklich begonnen hat die Leidenschaft für erneuerbare Energien aber erst, als er vor über zehn Jahren das neue Geschäftshaus für seine Firma AVC-Systems AG plante. Diese entwickelt und baut professionelle Fernsehstudios und Regiesysteme, unter anderem auch für Sportstadien.

Heute produziert er nicht nur am Firmengebäude eigenen Strom – auch sein privates Zuhause versorgt sich dank 70 Solarpanels und einem zusätzlichen Batteriespeicher nahezu komplett selbst. Die ganze Anlage produziert im Jahr insgesamt zwischen 22 und 25 Megawattstunden Strom. Zusätzlich unterstützt ein Kachelofen die Heizung im Winter und liefert warmes Wasser. «So bin ich fast vollständig unabhängig vom Netz», erklärt Kälin stolz. Er rechnet dieses Jahr mit bis zu CHF 2000 Vergütung vom Stromversorger für die eingespeiste Energie. Für seine umfassende energetische Sanierung vor vier Jahren hat ihn die Gemeinde Einsiedeln sogar mit einem Förderpreis ausgezeichnet.

 

Vom Abenteuer zur Alltagstauglichkeit

Auch bei seinen Autos setzt der Schwyzer auf Strom. Seit 2015 fährt er elektrisch. Was zu dieser Zeit noch als revolutionär galt, hat sich heute längst bewährt. Seine erste grosse Fahrt mit einem elektrischen Mercedes-Benz, einer B-Klasse Electric Drive, führte ihn ins Wallis. Damals, erzählt er lachend, sei das Abenteuer durchaus herausfordernd gewesen: «Wir haben mehrere Stunden zum Laden gebraucht, und manchmal hat es nicht gleich geklappt.» So steckte etwa der Ladestecker fest, woraufhin Kälin den Notrufknopf im Fahrzeug betätigte. Er wurde mit der Zentrale des Autoherstellers verbunden, wo ihm ein Servicemitarbeiter riet, das Auto abzuschliessen und wieder zu öffnen. «Dann ging es plötzlich», erinnert er sich schmunzelnd. 

Während der damaligen Fahrt nach Montana-Village entstand eine Faszination, die ihn bis heute begleitet: «Beim Bremsen Energie zurückzugewinnen, das ist grossartig. Wenn die Prozentanzeige plötzlich wieder steigt, macht das Spass.» Heute besitzt Kälin neben seiner B-Klasse einen Mercedes-Benz EQV. Lange Fahrten nach Amsterdam, München oder ins Piemont meistert er inzwischen problemlos. Kälin geniesst dabei besonders den Fahrkomfort und das Gleiten, wie er es nennt. Reichweitenängste sind für ihn längst Vergangenheit: 450 Kilometer habe er bereits an einem Stück mit dem EQV zurückgelegt. Und sollte doch einmal ein Zwischenstopp nötig sein, zeigt ihm das Navigationssystem präzise und verlässlich, wo die nächste Ladesäule steht.

 

Mehr Unabhängigkeit und weniger Lärm

Es sind nicht nur Komfort und Technik, die ihn überzeugen. Besonders wichtig ist Kälin die Nachhaltigkeit der Elektromobilität. Jeder Liter Öl, sagt er, sei verloren, sobald man ihn verbrenne. Eine Batterie hingegen könne man fast vollständig recyceln. Ausserdem ermöglicht ihm die Elektromobilität, seinen eigenen Strom zu nutzen und so weitgehend unabhängig von steigenden Energiepreisen zu sein. Neben der Nachhaltigkeit schätzt Kälin besonders die Ruhe: «Ich kenne niemanden, der Lärm wirklich gerne hat. Die Stille beim elektrischen Fahren empfinde ich als absolut beruhigend und entspannend.»

 

Auch beruflich setzt Kälin konsequent auf Nachhaltigkeit. Vor seinem Geschäftshaus in Einsiedeln stehen mehrere Ladestationen, eine davon sogar mit 100 kW, für Mitarbeiter und Kunden bereit. Seine Fahrzeugflotte im Geschäft umfasst heute überwiegend elektrische Modelle von Mercedes-Benz, darunter den kompakten EQA mit einer Reichweite von über 560 Kilometern, von dem er sich begeistert zeigt. «Unsere Mitarbeitenden fahren täglich viele Kilometer. Mir war es schon immer wichtig, dass wir sauber unterwegs sind», betont Kälin.

Mittlerweile zeigen sich auch Freunde und Bekannte, die einst skeptisch waren, von der Elektromobilität begeistert. Kälin schmunzelt, wenn er erzählt, wie ihm früher viele prophezeiten, er werde unterwegs liegen bleiben oder ständig nach einer Steckdose suchen. Heute begleitet er andere bei ihren ersten Fahrten mit dem Elektroauto und erlebt immer wieder dieselbe kindliche Freude: «Wer einmal elektrisch fährt, will nicht mehr zurück.»

 

Ein Autofan ist der 64-Jährige übrigens schon lange: Zwei Mercedes-Benz-Oldtimer zählen ebenfalls zu seiner Sammlung. Doch selbst bei diesen Klassikern hat Kälin bereits neue Pläne: Er überlegt, einen davon künftig mit einem Elektromotor auszustatten. «Das wäre ein schönes Projekt für die Zukunft», sagt Kälin lächelnd. Für ihn selbst gibt es keinen anderen Weg mehr: «Die Zukunft ist elektrisch», ist er überzeugt. Und sie ist längst Teil seines Alltags.

 

Fahren auch Sie künftig nachhaltig

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