Sarah Harbarth ist Gründerin, Pionierin und oft die einzige Frau im Raum. Mit KUORI entwickelt die 29-Jährige nachhaltige Alternativen zu fossilen Kunststoffen – und denkt dabei nicht in einzelnen Produkten, sondern in Hebeln, die eine ganze Branche verändern können. Im Gespräch erzählt sie, was sie antreibt, wie sie mit Rückschlägen umgeht und warum ein Sprung ins kalte Wasser oft der beste erste Schritt ist.
Sarah, du bist CEO und Gründerin von KUORI – einem Unternehmen, das nachhaltige Materialalternativen zu fossilen Kunststoffen entwickelt. Warst du schon immer neugierig, wie man Dinge anders und besser machen könnte?
Definitiv! Neugierig und kreativ war ich schon als junges Mädchen, allerdings auch ein wenig schüchtern. Dass ich mich traute, meiner Neugier zu folgen, kam mit der Zeit dazu. Mein erstes Unternehmen habe ich schon mit 19 gegründet: einen (Online-)Shop für Secondhand-Möbel. Das war anspruchsvoll, aber ein guter Einstieg ins Unternehmerinnentum.
Das Unternehmerinnentum hast du also früh für dich entdeckt. Wie ist KUORI entstanden?
KUORI hat seinen Ursprung in meiner Bachelorarbeit. Ich habe mich damit beschäftigt, wie man Produkte und ihre Materialität neu denken kann. Wenn man sich im Alltag umsieht, besteht unglaublich viel aus schädlichen Kunststoffen – einer endlichen Ressource, die weder biologisch basiert noch biologisch abbaubar ist und als Mikroplastik in der Umwelt landet.
Ein gutes Beispiel sind Flip-Flops: Wenn man sie trägt, reibt man ständig winzige Partikel ab. Sie landen in der Umwelt und schliesslich auch in uns. Also habe ich den Status quo hinterfragt und bin auf biologisch basierte, elastische und abbaubare Materialien gestossen, die sich in bestehende Fertigungsprozesse integrieren lassen. Entscheidend ist, dass sie ähnlich leistungsfähig sind wie herkömmliche Kunststoffe – und somit dem Ziel dienen, Mikroplastikverschmutzung und CO₂-Emissionen zu reduzieren.
Im Kern deines Schaffens steckt der Wunsch, etwas zu verändern und Wandel voranzutreiben. Woher kommt dieser Antrieb?
Er war schon immer ein Teil von mir. Es gibt für mich einfach keine andere Option – unsere Ressourcen sind endlich. Dafür Lösungen zu finden, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch, treibt mich an. Bei KUORI geht es nicht darum, einfach ein nachhaltiges Produkt zu entwickeln. Es geht darum, kreislauffähige Materialien zu schaffen, die in vielen Produkten und bestehenden Prozessen eingesetzt werden können – von Uhrenarmbändern bis Yogamatten. So entsteht der grösstmögliche Hebel.
Der grösstmögliche Hebel?
Ja, wenn man beispielsweise kreislauffähige Schuhe entwickelt, hat man am Ende eine Schuhmarke. Wenn man aber ein Material für Schuhsohlen entwickelt, kann man potenziell viele Marken gleichzeitig erreichen. Genau darin liegt der eben besagte Hebel.
Wo findest du Inspiration für dieses Denken?
Meine grösste Inspirationsquelle ist die Natur. Sie zeigt uns jeden Tag, dass Wandel notwendig ist. Die Klimakrise ist nicht abstrakt – auch in der Schweiz spüren wir sie bereits heute, etwa durch heissere Sommer, längere Trockenperioden oder stärkere Niederschläge. Aber auch die Menschen in meinem Umfeld inspirieren mich. Ich schaue aktiv über den Tellerrand hinaus, treffe Menschen und höre zu, was sie beschäftigt.
Wer Wandel vorantreibt, begegnet oft auch Widerständen. Wie gehst du mit Rückschlägen um?
Ich sage immer: «Everyday is a fuck up». Wenn man ein Unternehmen gründet, läuft nichts wie geplant. Weder der Businessplan noch das Budget. Aber mit Kreativität und Adaptivität kann man auch diese Herausforderungen überwinden. Der Aufbau unseres Chemielabors zum Beispiel: Wir mussten riesige Maschinen in unser Labor transportieren – und weder der Transport noch der Anschluss funktionierten auf Anhieb. Aber wir haben es geschafft.
Was hilft dir, in solchen Momenten weiterzumachen?
Ich brenne für die Vision von KUORI. Das hilft. Genauso wichtig sind meine Bezugspersonen: meine Familie, meine Freundinnen und Freunde, Menschen, die mich auffangen. Mein Alltag ist schnell und intensiv, deshalb brauche ich als Gegenpol Dinge, die ruhiger und voraussehbarer sind: Kochen finde ich beispielsweise sehr meditativ.
Worauf bist du besonders stolz?
Auf alles! Unsere Mitarbeitenden, unsere Kundinnen und Kunden. Und vor allem darauf, dass wir zu den Lösungsträgerinnen gehören dürfen.
Woran bist du zuletzt gescheitert?
Ich scheitere wirklich ständig. Das Wichtigste ist, daraus zu lernen. Scheitern ist für mich nichts Negatives, im Gegenteil – es gibt mir oft viel mehr Insights, als wenn etwas auf Anhieb klappt.
Du bist 29, Gründerin, warst auf der «Forbes 30 Under 30»-Liste – und du sagst, dass du ständig scheiterst. Wie definierst du Erfolg?
Ich mache einfach das, was ich gerne mache – der Erfolg ist für mich nebensächlich und kommt automatisch. Er gibt mir Kraft, weiterzumachen.
Wie möchtest du mit KUORI weitermachen?
Mein Traum ist es, unsere Materialien noch stärker im Alltag zu sehen. In Produkten, die Menschen selbstverständlich nutzen – zum Beispiel in Uhrenarmbändern, Schuhsohlen oder eben Flip-Flops. Ich möchte, dass nachhaltige Alternativen nicht die Ausnahme sind, sondern die naheliegende Option. Dass Verantwortung nicht allein bei den Konsumentinnen und Konsumenten liegt, sondern bei den Brands und ihren Entscheidungen beginnt.
Als Gründerin bewegst du dich oft in von Männern dominierten Räumen – wie ist das für dich?
Ich bin oft die einzige Frau im Raum. Und ja, ich glaube, dass Männern oft mehr Mut und Kompetenz zugeschrieben wird. Das ist gesellschaftlich geprägt und zeigt sich auch im Gründungsumfeld.
Glaubst du, Investorinnen und Investoren würden dir mehr zutrauen, wenn du ein Mann wärst?
Klar. Und das ist nicht nur ein Gefühl, sondern statistisch belegt: Es fliesst nach wie vor deutlich weniger «Venture Capital» in von Frauen geführte Unternehmen. Das ist schade – und wirtschaftlich unklug. Denn es ist ebenfalls belegt, dass von Frauen geführte und diverse Teams schneller profitabel sind. Wir sind noch nicht dort, wo wir sein sollten. Ich wünsche mir mehr Frauen in Geschäftsleitungen, in Entscheidungspositionen und auf Investorinnen- und Investorenseite. Aber genau deshalb ist es wichtig, weiterzumachen.
Welche Rolle haben andere Frauen oder Netzwerke auf deinem Karriereweg gespielt?
Eine sehr grosse. Unternehmerinnentum ist nicht nur schön und aufregend – es ist auch anstrengend. Es gibt Tage, an denen ich alles infrage stelle. Dann hilft es enorm, Menschen zu treffen, die das kennen. Auch wenn wir in ganz unterschiedlichen Branchen arbeiten, sind viele Herausforderungen dieselben. Umso wertvoller war für mich der «She’s Mercedes»-Patisserie-Workshop, bei dem genau dieser Austausch möglich wurde.
Wie hast du dein Netzwerk aufgebaut?
Seit der Gründung meines ersten Unternehmens vernetze ich mich bei Plattformen, die auf junge, weibliche Gründerinnen ausgelegt sind. Ich bin oft auf Events und Netzwerkanlässen. Und ich schreibe auch ungeniert Menschen an, die ich inspirierend finde.
Was für ein Vorbild möchtest du sein?
Ich möchte zeigen, dass es machbar ist. Als Frau in einer Führungsposition, in einer Branche, in der ich oft eine der wenigen Frauen bin. Es geht – und es wird sich verändern. Wenn meine Geschichte anderen Mut macht, selbst loszulegen, dann ist das sehr viel wert.
Was würdest du einer jungen Frau raten, die eine Idee hat, aber noch zögert?
Sprich mit vielen Menschen darüber. Hol dir Feedback, hör zu, nimm mit, was für dich wichtig ist – und probier aus. Ein Sprung ins kalte Wasser ist oft der erste Schritt. So findest du heraus, was funktioniert. Natürlich braucht es auch Grundlagen, wie den Markt zu verstehen, mit Mitbewerberinnen und Mitbewerbern zu sprechen und von Menschen zu lernen, die mehr oder andere Erfahrungen haben.
Wenn du in die Zukunft blickst: Worauf freust du dich am meisten?
Darauf, weiterhin innovativ sein zu dürfen. Anders zu denken, disruptiv zu sein und Menschen zum Umdenken anzuregen – so wie jetzt gerade mit diesem Gespräch.
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