Sie hat eine Bilderbuchkarriere gestartet und eines Tages entschieden, dass sie einen anderen Weg einschlagen möchte: Wir haben uns mit Nele Clüver, inzwischen selbstständige Unternehmerin, über ihren Kurswechsel unterhalten, über ihr neues Business mit grosser Mission und über ihr einmaliges Ermutigungs-Projekt für Frauen.
WOMEN IN BUSINESS: Nele Clüver, gemäss Ihrem LinkedIn-Konto haben Sie eine vielversprechende Karriere in Angriff genommen – und dann einen Stopp gerissen. Wie ist es zum einen und zum anderen gekommen?
Nele Clüver: Ich habe einen traditionellen, konventionellen Weg eingeschlagen: BWL-Studium an der Hochschule St. Gallen, Berufseinstieg in einer Unternehmensberatung. Dort war ich nach acht Jahren Client Partner und habe grosse Schweizer Banken mit dem Ziel beraten, Erträge zu erhöhen oder die Kosten zu senken. Als Beraterin, die von aussen kommt, kann man vieles bewirken. Wie effektiv – das habe ich früh feststellen können – hängt allerdings in hohem Masse davon ab, wie es um das Wohlergehen und das Engagement sowie die Kollaboration der Menschen innerhalb eines Unternehmens bestellt ist.
Damit können sich die Banken ja nicht rühmen.
Genau. Ich habe meinerseits zudem gemerkt, dass, was mich wirklich interessiert und wo ich mich auch einbringen kann, mehr die Menschen sind, weniger die Analysen. Ich habe mich aus der Unternehmensberatung verabschiedet und mich dann über Umwege selbstständig gemacht.
Warum Umwege?
Es war nicht der Plan, dass ich mich selbstständig mache. Ich wusste zu dem Zeitpunkt, als ich aus der Unternehmensberatung rausgegangen bin, nur, dass ich was anderes machen will. Hätte man mich damals gefragt, machst du dich selbstständig, hätte ich gesagt, nein. Geprägt von Sankt Gallen, gab es für mich gefühlt nur entweder Bank oder Unternehmensberatung. Zudem gewöhnt man sich an den monatlichen Pay-check, das gibt Sicherheit.
Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie sich trotzdem entschieden haben, Ihr eigenes Unternehmen zu gründen?
Das hatte viele Gründe – einer davon war sicher, dass ich Mutter geworden bin. Und wie bei so vielen, haben sich auch bei mir meine Prioritäten nach so langer Zeit mit Fokus auf die Karriere stark verändert. Dazu kam, dass im Unternehmen alles weiter lief während meines Mutterschaftsurlaubs, auch ohne mich. Zudem wurde mir immer klarer, in welche Richtung ich mich entwickeln wollte und dass dies nicht mehr dem entsprochen hat, was das Unternehmen von mir sehen wollte.
Und dann, was war richtungsweisend für Ihre Karriere?
Ich bin auf meiner Suche nach etwas Zukünftigem auf den stärkenorientierten Ansatz von Gallup gestossen und habe sofort gespürt, dass es das war, wonach ich gesucht hatte. Ich habe eine Weiterbildung gemacht und mich als «Strength Coach» zertifizieren lassen. Ich habe selbst über drei Monate mit einem Coach gearbeitet und viel mit Leuten geredet, die nicht in meiner Bubble waren – weder im Banking noch in der Unternehmensberatung. So habe ich auch meine jetzige BusinessPartnerin Arjanna van der Plas kennengelernt. Sie war gerade aus San Francisco gekommen, da ihr Mann zu Google nach Zürich gewechselt war und überlegte, was sie machen wollte.
Und dann kam der Lockdown ...
Wir sassen zwar beide zu Hause, haben via Zoom und Telefon unter anderem den «Women's Hub» aufgebaut. Wir haben viel Zeit in den Aufbau dieser Community investiert. Und wir konnten unser eigentliches Business vorantreiben.
Ihr eigentliches Business ist Coaching. Ihr Fokus sind Stärken. Ihr Ansatz?
Eines meiner Lieblingszitate in dem Zusammenhang ist: Everybody is a genius. But if you judge a fish by its ability to climb a tree, it will live its whole life believing that it is stupid.
Welcher der beiden Sätze ist für Sie wichtiger?
Es sind eben genau die beiden zusammen. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Und das, worum es geht im Leben, ist, seine Stärken zu kennen und darauf aufzubauen. Dieser Ansatz ist höchst konstruktiv sowohl für Einzelpersonen wie auch für ganze Teams. Sich mit seinen Stärken gesehen und geschätzt fühlen, macht glücklich – und effizient: Studien belegen sehr eindrücklich, dass Leute, die sich wertgeschätzt fühlen, viel engagierter sind im Job.
In der Realität wird aber gern auf den Schwächen herumgeritten.
So erleben wir es von klein auf: Wenn man als Kind mit einer sechs in Mathe nach Hause kommt und mit einer 3,5 in Deutsch, heisst es, du kriegst jetzt Nachhilfeunterricht in Deutsch. Es wird Zeit, Geld und Energie investiert in Dinge, die einem nicht liegen. Und das setzt sich fort ins Berufsleben: In den Jahresendgesprächen werden dort, wo es hapert, Fortbildungen und Schulungen verordnet. Natürlich wird man damit ein bisschen besser. Aber eine Stärke wird aus der Schwäche nicht.
Das heisst?
Die Ressourcen wären viel besser investiert in die Förderung von Stärken, statt in die Ausmerzung von Schwächen.
Apropos: Was verstehen Sie persönlich unter Schwäche?
Eine Schwäche ist alles, was einem zum Erfolg im Weg steht. So definieren wir das. Sprich, es gibt empfundene Schwächen, die aber irrelevant sein können.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie mit Teams arbeiten?
In Teams schauen wir uns die Stärken des Einzelnen an, wem liegt was und wie tickt der andere, aber insbesondere auch welche Stärken sie als Team haben. Wo sind wir besonders gut? Wo haben wir empfundene Schwächen, und was bedeutet das in Bezug darauf, wie wir die Aufgaben im Team verteilen und erledigen? Ich hatte einmal ein Team mit zehn Leuten, die waren alle extrem gute und top ausgebildete Strategen. Aber die administrative Aufarbeitung am Ende eines Projekts haben sie einfach nicht hinbekommen – weil niemand dafür eine Stärke wie «Disziplin» hatte. Anstelle zu versuchen, an der vermeintlichen Schwäche «Disziplin» zu arbeiten, haben wir auf ihr Stärkenprofil geschaut und dann eine Lösung gefunden, welche eine Umgebung für das Team schafft, die funktioniert: Die zehn buchen einmal im Monat einen Meetingraum, machen das Administrative zusammen und gehen dann ein Bier trinken.
Das Thema mit den Schwächen ist aber tendenziell schon ein Frauenthema, oder?
Man sagt, dass ein Mann sich auf eine Stelle bewirbt, wenn er 40 Prozent der Anforderungen erfüllt und eine Frau noch bei 100 Prozent zweifelt. In den One-to-One-Coachings, wo es nicht mehr darum geht, etwas darzustellen, merke ich aber kaum einen Unterschied. Männer hadern mit sich genauso wie Frauen.
Was ist Ihre Mission als Unternehmerin?
Unsere Mission heisst «re-humanize the way we work». Es ist nun mal so, dass wir den Hauptteil der Wachzeit bei der Arbeit verbringen. Wir wollen mit unserer Arbeit dazu beitragen, dass die Leute ihre Arbeit mehr geniessen können, dass sie Freude daran haben, dass es sie nicht krank macht, dass sie nicht in einen Burnout fallen.
Vorausschauend in Anbetracht der kommenden Generation von Arbeitnehmenden.
Das Thema «New Way of Working» ist für mich eine natürliche Weiterentwicklung des Themas «Purpose», von dem alle schon länger sprechen. Purpose allein nützt aber nichts, wenn man einen bösartigen Boss hat, der einen die ganze Zeit drangsaliert.
Sprechen wir noch über Ihr Projekt «Women’s Hub»: Was ist da Ihr Anliegen?
Es ist mein Herzensprojekt. Die Idee war eine private Initiative, gegründet in München, für Frauen, die Ideen und Visionen haben, aber keine Umgebung, in der sie davon erzählen können. Es ging darum, einen Raum zu schaffen, wo man alle Masken fallen lassen und erzählen kann. Es geht darum, Frauen eine Bühne zu geben, aber nicht zwingend gleich einen TEDx Talk zu halten, sondern da geht es um die Frauen selbst. Sie erzählen, wer sie sind, was sie denken, was sie für Fragen haben, woran sie arbeiten. Und es geht darum, sich gegenseitig zu bestärken.
Wie kommt man auf die Bühne?
Wenn man sich ein Ticket kauft für den Event, kann man beim Checkout-Prozess melden, dass man auf die Bühne und seine Geschichte erzählen möchte. Arjanna und ich kuratieren das, wir wollen eine möglichst grosse Vielfalt.
Trauen sich die Frauen denn?
Ja. Wir haben immer zehn bis 15 Frauen, die ihre Geschichte gerne teilen möchten. Die meisten von diesen Frauen waren zuvor schon einmal als Teilnehmerinnen auf einem «Women’s Hub Day» und wissen deshalb, was für einen wohlwollenden, geschützten Raum wir dort kreieren.
Und dann bereiten sich die Frauen allein vor?
Wir nehmen uns Zeit, coachen die Frauen und helfen, die Essenz ihrer Geschichte zu destillieren. Was erzähle ich von mir? Was erzähle ich anderen, wer ich bin? Was macht mich aus?
Und wie läuft so ein Event dann konkret ab?
50 Frauen sitzen im Publikum, vier Frauen bekommen über den Tag verteilt je 15 Minuten auf der Bühne. Am Ende ihres Talks können sie dem Publikum eine Frage stellen. Darauf gibt es Antworten, Feedback, Reflexionen und zum Schluss erhält jede Rednerin einen «Love Letter», wie wir ihn nennen: Einen einseitigen Brief von jeder Frau im Publikum mit Ideen, Tipps, Ermutigung – etwas von sehr grossem Wert.
Text: Lisa Vögele für Women in Business
Foto: Aly Aesch