Die Tennisspielerin Belinda Bencic über das Kunststück, Privates und Berufliches voneinander zu trennen, über ihren Umgang mit Kritik und Jubel, das Auf und Ab oder die Hormone sowie über den besten Rat, den sie je bekommen hat. Spoiler: Er klingt ziemlich weird.
WOMEN IN BUSINESS: Frau Bencic, Sie sind grossartig ins neue Jahr gestartet, gingen in Adelaide und Abu Dhabi als Turniersiegerin vom Platz. Dann verlieren Sie in Miami und Indian Wells. Wie bauen Sie sich wieder auf?
Belinda Bencic: Das ist schwierig, manchmal ist es sehr bitter. Ich bin nach jeder Niederlage am Boden zerstört und weine oft. Am nächsten Tag tut es auch noch weh, und dann geht das Training weiter und das Leben auch. Das Gute am Tennis ist, dass man jede Woche neu antreten kann.
Weinen Sie da aus Trauer oder Wut?
Beides. Aber ich bin besser darin geworden, meine Emotionen auf dem Platz zu kontrollieren und mich zusammenzureissen, wenn es nicht läuft.
Wie ist es, als Gewinnerin vom Platz zu gehen?
Dieses Gefühl ist viel intensiver als das Gefühl nach einer Niederlage.
Ihr Turnierplan ist dicht gefüllt. Sie sind wochenlang weg. Gefällt Ihnen dieses Leben?
Manchmal ist es harzig, lang unterwegs zu sein und aus dem Koffer zu leben. Aber wenn man erst einmal im Turniermodus ist, ist man voll im Zeug, und das Heimweh verzieht sich.
Sie haben ja immerhin immer Ihren Freund dabei, er ist Ihr Fitnesscoach.
Genau, und das ist grossartig. Ohne ihn wäre es schwieriger. Er unterstützt mich voll, und er weiss, wie sich das Leben anfühlt. Das macht es auch für uns beide einfacher.
Ich stelle mir das ziemlich schwierig vor, wenn der Fitnesstrainer, der ja dazu da ist, einen zu quälen, auch noch der Mann ist, mit dem man privat zusammen ist.
Am Anfang hatte ich auch Angst davor. Aber es funktioniert sehr gut. Ich habe nach wie vor sehr viel Respekt vor seiner Expertise und seinem Know-how. Wenn wir trainieren, sehe ich ihn nicht als meinen Freund, sondern betrachte ihn mit anderen Augen.
Das können Sie?
Ja, das hat mich auch überrascht. Es fällt uns beiden leicht, zu unterscheiden und zu trennen, was professionell ist und was privat. Dafür muss man seine Emotionen im Griff haben. Wenn wir am Morgen eine Auseinandersetzung haben und am Nachmittag trainieren, dann können wir nicht einfach nicht miteinander reden. Es ist uns beiden bewusst, dass das unsere Arbeit ist.
Sie bezahlen Ihren Freund ja auch dafür.
Ja, er ist mein Angestellter. In diesem Verhältnis hat unsere Beziehung auch angefangen. Wir wurden erst mit der Zeit ein Paar.
Die Lohnverhandlungen mit Ihrem Freund führen Sie?
Ich mische mich ein, es ist ja mein Geld. Ich habe einen Manager zur Seite, der mir hilft und weiss, welche Löhne und Beteiligungen an Preisgeldern für wen angemessen sind.
Wie viele Löhne bezahlen Sie denn?
Einige. Aber ich zahle ja nicht nur Löhne, sondern auch alle Flüge, Hotels, Essen, die Wohnung für den Trainer, wenn wir an einem Trainingsort sind, die Physio, den Mentaltrainer, die Trainingsplätze, die Trainingsbälle – alle Ausgaben gehen auf mich.
Sie verdienen alles und zahlen alles – also sind Sie der Boss des Unternehmens Bencic.
Ich sehe mich als CEO von mir selbst und von dem, was ich mache. Ich bin von mir angestellt, wie auch meine Entourage. Und es ist in meiner Verantwortung, die besten Leute zu bekommen, die mir dabei helfen, meine Ziele zu erreichen.
Sie sind auch ausserhalb des Tennis eine Geschäftsfrau. Sie haben diverse lukrative Sponsorings unterzeichnet. Wie suchen Sie diese aus?
Sie müssen zu mir passen und zwar zu mir, wie ich bin. Alles andere hat keinen Wert. Man muss eine Marke mögen und die gleichen Werte haben. Ich möchte als Person ausgewählt werden und nicht nur als Tennisspielerin. Und ich möchte mit dem Sponsor ein persönliches Verhältnis haben, wo man sich auch gegenseitig unterstützt und nicht nur als Werbeträgerin dient. Mir ist es schon passiert, dass mich ein Sponsor fallengelassen hat, weil ich verletzungsbedingt aus den Top 10 gerutscht bin. Zudem: Swissness ist mir sehr, sehr wichtig. Ich bin nämlich sehr stolz auf die Schweiz.
Ihr neuer Sponsor heisst Mercedes-Benz und ist keine Schweizer Marke.
Aber ich war immer Fan von Mercedes-Benz. Ich hatte schon davor einen Mercedes und mein Freund, by the Way, auch. Heisst: Ich muss mich nicht verrenken, um Ambassadorin für diese Marke zu sein. Im Gegenteil: Ich freue mich sehr darüber. Das Logo auf meiner Tasche ist ein Traum für mich.
Sie werden mit Argusaugen beobachtet und mitunter auch hart kritisiert. Wie gehen Sie damit um?
Das musste ich lernen. Das geht nicht von heute auf morgen. Wenn man gut spielt, haben es alle gewusst, und wenn man verliert, dann war auch allen klar, dass man nicht das Zeug zum Sieg hat. Man wird hochgejubelt und runtergemacht. Ich habe aufgehört, die Sachen über mich zu lesen. Und habe mich dafür entschieden, einfach ich selbst zu sein und mich nicht zu verbiegen, um zu gefallen und beliebt zu sein.
Für Ihre Aussagen werden Sie ja auch gern kritisiert.
Das nehme ich in Kauf. Und ich bin mir bewusst, dass man aufpassen muss, was man sagt. Alles kann gegen einen verwendet werden. Es ist manchmal wirklich ein Witz, welche Aussagen wie verdreht werden. Ich habe aufgehört, mich darüber aufzuregen. Es ist ja auch so, dass die Dinge zwei Tage diskutiert und breitgeschlagen werden, dann aber wieder vorbei sind. Mich persönlich berührt es nicht mehr, zudem weiss ich, dass ich die Meinung der Leute nicht beeinflussen kann.
Was sind denn Ihre Schwachpunkte?
Ich bin eine Perfektionistin, was an sich gut ist für diesen Sport, aber auch daneben gehen und grosse Anspannung erzeugen kann. Meine Erwartungen an mich sind hoch, und es nervt mich extrem, wenn ich etwas nicht schaffe, obschon ich so viel investiert und alles dafür getan habe in der Vorbereitung.
Heisst: Sie scheitern an sich selbst?
Es gibt auch Tage, an denen das Gegenüber einfach besser ist.
Haben Sie es im Gefühl, wie es laufen wird, wenn Sie aus der Garderobe auf den Court kommen?
Es gibt Tage, an denen wacht man auf und ist total gereizt. Dann gibt es solche, an denen einen nichts aus der Ruhe bringt. Ich kann das aufgrund meiner Anspannung abschätzen. Ich bin zwar immer nervös, aber nicht immer auf die gleiche Art. Manchmal bin ich gut nervös, manchmal habe ich eher Angst, manchmal bin ich ready to fight – ich kann das gut abschätzen, mein Freund sieht das noch besser als ich. Ein Thema ist auch der Hormonspiegel. Er hat einen grossen Einfluss: Man ist als Frau nicht immer gleich.
Ist das der Grund, warum es im Frauentennis nicht Dominatorinnen gibt, wie bei den Männern?
Einmal verliert man gegen A und dann gewinnt man gegen A. Das hat aber nicht nur mit den Hormonen zu tun, sondern auch mit dem Generationenwechsel, der gerade stattfindet. Die älteren Spielerinnen geben den Rücktritt und die jüngeren müssen noch um die Positionen kämpfen. Die Spiele sind sehr eng geworden, 6 : 0 und 6 : 0 gibt es heute nicht mehr am Anfang eines Grand Slam.
Was ist denn zentral, um an der Spitze Tennis zu spielen? Geist, Körper, Übung, Talent?
Es ist eine Kombi von allem plus noch viel mehr. Ich vergleiche es immer mit einem Puzzle, es muss alles stimmen, damit es an einem Turnier klappt. Tennis ist eine hochkomplexe Sportart. Deshalb müssen wir auch so viel trainieren.
Und sonst?
Bei mir und meinem Trainer muss die Chemie stimmen. Dass man einem Trainer sofort blind vertraut, passiert eher selten. Das muss meistens erst aufgebaut werden.
Was meinen Sie mit blind vertrauen?
Ich habe ja keine Ahnung, ob er mich besser macht oder schlechter. Ich muss ihm vertrauen.
Bis vor zwei Jahren war Ihr Vater Ihr Trainer. Das stellt man sich auch nicht gerade einfach vor.
Es war eine Challenge für uns beide. Der Vorteil war, dass er mich kennt, weiss, wie ich ticke und was ich brauche. Er konnte sich auch persönlich um mich kümmern, um Essen, Schlaf und alles andere. Und er konnte dafür sorgen, dass ich immer das Beste, das Richtige hatte. Etwas, was viele Trainer nicht können, weil sie eben nicht Eltern sind. Schwieriger war es, dass es nicht zu intensiv wurde, dass man als Kind seinen Vater auch immer noch als Vater sieht und dass der Vater sein Kind auch noch als sein Kind sieht. Das mussten wir beide lernen, inklusive Loslassen und Freiheiten geben.
Ihre Eltern waren für Ihre Karriere essenziell, nicht wahr?
Absolut. Ich spiele ja Tennis, seit ich vier bin, und ich habe von meinen Eltern die volle Unterstützung gebraucht. Sie haben mich immer an die Turniere gefahren, sind viel mit mir gereist. Sie haben alles dafür gemacht, dass unsere Träume wahr wurden. Und auf alles verzichtet: Ferien, freie Wochenenden, ein eigenes Leben.
Der Druck, der auf Ihnen lastet, muss gross sein.
Druck? Nein, ich fühle ganz etwas anderes: Freude und Stolz über das Erreichte. Ich hatte immer grosse Träume, aber nie so grosse, dass ich davon geträumt habe, an den Punkt zu kommen, an dem ich angelangt bin. Dass Kinder sagen: Ich möchte werden wie Belinda. Ich habe mehr erreicht, als ich mir früher erträumt habe.
Was treibt Sie denn dann noch an?
Ich will einen Grand Slam gewinnen. Klappt im Moment noch nicht so gut, aber ich werde das irgendwann schaffen, das weiss ich. Die Frage ist nur, wann.
Warum ist Ihnen das so wichtig? Sie haben an den Olympischen Spielen die Goldmedaille gewonnen.
Man will immer mehr, wenn man was hat. Ein Grand Slam hat sehr viel Prestige. Einen zu gewinnen, ist meine grösste Motivation, mich weiterhin so anzustrengen. Aber Sie können mir glauben, auch ich habe nicht immer Bock, aufzustehen und mit Muskelkater zu spielen.
Sie haben Muskelkater?
Ja. Sicher, wenn mir Martin (der Freund und Fitnesscoach, Anm. d. Red.) ein saftiges Krafttraining gibt, ist das einfach auf einem anderen Niveau.
Wie gleichen Sie sich bei all den Anstrengungen und Erwartungen aus?
Ich bin nicht der Typ zum Meditieren. Ich male Mandalas aus, auch vor den Spielen, wenn ich nervös bin, das beruhigt mich. Zudem bin ich gern draussen, in den Bergen, mit dem Hund. Da bin ich für mich selbst, kann abschalten.
Zum Schluss: Was ist der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Einen, den ich in jeden Match mitnehme: You have to fight like you’re already dead.
Wie bitte?
Wer tot ist, muss nicht ums Überleben kämpfen und muss auch nicht kämpfen, um nicht zu verlieren, weil es nichts zu verlieren gibt. Wenn man nichts zu verlieren hat, kämpft man, um zu gewinnen. Man spielt, um zu gewinnen, und nicht, um nicht zu verlieren. Das ist ein kleiner, aber für mich durchaus relevanter Unterschied in meiner Geisteshaltung.
Text: Lisa Vögele für Women in Business
Fotos: Beat Baschung Fotografie