Die Walliserin Larissa Imhof zeichnete als Kind Autos, die ihrer reinen Fantasie entsprangen. Heute arbeitet sie als Exterieurdesignerin bei Mercedes-Benz in Sindelfingen. 


30. November 2023

 

Frau Imhof, wie gern fahren Sie selber Auto? 

Ausgesprochen gern, und wer in einem Bergkanton aufwächst wie ich, hat wohl einen noch engeren Bezug zum Auto als ein Stadtbewohner. Meine Leidenschaft wurde auch durch meinen Vater geprägt, der in Brig-Glis VS eine Autowerkstatt betreibt. Dort begann ich schon als Kind, selber Autos zu zeichnen. Und sobald ich den Führerschein hatte, brach das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit endgültig bei mir durch. Diese starke Emotion bringe ich natürlich auch in meine Arbeit als Exterieurdesignerin ein. 

 

Wie pendeln Sie zwischen Ihrer Walliser Heimat und Süddeutschland? 
Tatsächlich bin ich gerade auf der Suche nach einem neuen oder auch gebrauchten Fahrzeug aus der Modellpalette von Mercedes-Benz. Es soll sich auf dem Alpenpass genauso wohlfühlen wie auf der Autobahn. Ich bin zuversichtlich, bald fündig zu werden. 

 

Wie kommt eine Walliserin zu einem Weltkonzern wie Mercedes-Benz in Stuttgart? 

Das Wallis ist aufgrund seiner touristischen Beliebtheit sehr international ausgerichtet. Das war auch mein Studium im badischen Pforzheim, wohin es mich zog, da es den Beruf der Autodesignerin in der Schweiz nicht gibt – und die Ausbildung dazu ebenso wenig. Die Studierenden kamen von überallher. Das ist gut so, denn Fahrzeugdesign muss ja nicht nur im eigenen Land funktionieren, sondern weltweit. 

 

Wie definieren Sie gutes Design? 

Gutes Design ist definitiv zeitlos – teilweise beeinflusst vom Zeitgeist oder inspiriert aus der Vergangenheit. Gerade auch bei Mercedes-Benz, wo ja viele Ikonen der Fahrzeughistorie entstanden sind – mit spezifischen Designmerkmalen. Ganz wichtig ist auch: Ambitioniertes Automobildesign zielt immer einige Jahre in die Zukunft, daneben sehen heutige Trends oft schon wieder alt aus.  

 

Design ist ja nicht nur Selbstzweck, sondern hat auch Erwartungen zu erfüllen – hinsichtlich Ergonomie, Luxus, Status und Bewegungsfreiheit. Wie also gehen Sie mit dem Stichwort «User Experience» um? 

Das Nutzererlebnis steht klar im Zentrum, schliesslich kreieren wir Fahrzeuge für die Kunden. Die «User Experience» beginnt beim Exterieurdesign, denn aufgrund des ersten visuellen Eindrucks fällt ein Interessent oft schon die Entscheidung, ob er überhaupt einsteigen möchte. Zudem sollten Aussen- und Innendesign eine stimmige Einheit bilden. Alle Bereiche, wo der Mensch mit dem Fahrzeug interagiert, müssen optimal ineinandergreifen und zusammenspielen. Ergänzt durch innovative Technik und eine umfangreiche Sicherheitsausstattung ergibt sich dann ein stimmiges Gesamtpaket.  

 

Das Automobil befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Elektromobilität ist da nur ein Stichwort unter vielen. Wie wirken sich diese Veränderungen aufs Fahrzeugdesign aus? 

Als Autodesigner beschäftigen wir uns an vorderster Front mit diesen Themen. Visionäre Fahrzeugkonzepte profitieren auch von alternativen Materialien, die teilweise organischen Ursprungs sein können. Und im Exterieurdesign haben Feinheiten bei der Aerodynamik nochmals an Bedeutung gewonnen, weil dadurch der Energieaufwand sinkt und die Effizienz gesteigert wird.  

 

Der elektrische Antrieb eröffnet dem Fahrzeugdesign ganz neue Freiheiten, da der grosse Motorblock wegfällt. Weshalb sehen die meisten Elektroautos trotzdem immer noch so aus wie Verbrenner? 
Wenn man abrupt etwas vollkommen Neuartiges präsentieren würde, würde dies wohl auf Kosten der Akzeptanz gehen. Man will die Kundschaft ja nicht überrumpeln. Ich bin der Ansicht, dass sich dieser Wandel in kleineren Schritten vollziehen sollte. 

 

Wie gehen AMG und Mercedes-Benz in puncto Design zusammen? 
Das Design von AMG ist, genauso wie bei Maybach, eng mit dem von Mercedes-Benz verknüpft. Es gibt aber natürlich auch Unterschiede. AMG betreibt ein eigenes Designstudio in Affalterbach und baut Fahrzeuge mit spezifischen Charakterzügen und Erkennungsmerkmalen. Ein bekanntes Beispiel ist der berühmte «Panamericana»-Frontgrill mit den senkrechten Streben.  

 

Im Rahmen Ihrer Bachelorarbeit haben Sie ein «AMG Hypercharged»-Konzeptfahrzeug entwickelt. Es spielt mit der Idee, die Energie zu nutzen, die in einem Blitz steckt. Erklären Sie uns das näher? 

AMG ist eine hochemotionale Marke, die stark auf der Faszination der Motorenleistung aufbaut. Für mein Konzept habe ich mir die Frage gestellt: Wie könnte AMG im Jahr 2080 auftreten? Wie lassen sich die Emotionen, etwa jene des spezifischen AMG Motorensounds, in die Zukunft hinüberretten und gleichzeitig mit Nachhaltigkeit verbinden? Da kam mir die Idee mit dem Blitz, weil dieser alles perfekt verbindet. Man verbindet damit Schnelligkeit und Kraft. Zudem schliesst er die brachiale Soundkomponente des Donners mit ein und ist zugleich aber auch eine erneuerbare Energiequelle. 

 

Die der Mensch aber leider nicht nutzen kann. 
Klar, dieses Konzept kann in der Praxis nicht funktionieren. Noch nicht. Aber wer weiss, was 2080 mit der exponentiellen Entwicklung des technologischen Fortschritts möglich sein wird? Zudem wollte ich mit «AMG Hypercharged» ein Langstrecken-Rennfahrzeug entwerfen und so an eine grosse Tradition von Mercedes-Benz anknüpfen. 

 

Wann hat ein Auto Charakter? 
Immer dann, wenn der Mensch eine emotionale Bindung zu ihm aufbauen kann. Der Charakter eines Automobils kann sich über zahlreiche Details definieren, die insgesamt die Freude daran ausmachen. Welche Eigenschaft hebt es von vergleichbaren Fahrzeugen ab? Fährt es sich interessant? Reagiert es gut auf der Strasse? Aber auch eine gewisse Patina, ein paar Kratzer an den richtigen Stellen, kann den Charakter prägen, weil das Auto damit eine Geschichte erzählt. Unsere persönliche Bindung an ein Fahrzeug erhebt es über den Status eines reinen Transportmittels hinaus.  

 

Larissa Imhof  
Larissa Imhof (27) hielt sich als Kind oft in der Kfz-Werkstatt ihres Vaters in Brig-Glis VS auf, wo sie früh damit begann, eigene Fahrzeuge zu «erfinden». Nach der Matura im Jahr 2016 begann sie ein Maschinenbaustudium an der ETH Zürich, bewarb sich aber bereits nach einem Semester für den Bachelorstudiengang «Transportation Design» an der Hochschule Pforzheim in Deutschland, den sie mit Auszeichnung abschloss. Seit September 2023 arbeitet sie als Exterieurdesignerin bei Mercedes-Benz in Sindelfingen bei Stuttgart. 

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