Unsere Gefühle lenken praktisch jede Kaufentscheidung – egal ob Wasserkocher oder Luxusauto. Wirtschaftspsychologin Carmen Grebmer erklärt im Interview, warum Autos zu emotionalen Co-Piloten werden und was wirklich hinter der Liebe zum eigenen Fahrzeug steckt.
9. Mai 2025
Frau Grebmer, Sie beschäftigen sich intensiv mit Konsumenten- und Werbepsychologie. Gibt es bei der Kaufentscheidung so etwas wie Liebe auf den ersten Blick?
Absolut! Unser Gehirn entscheidet blitzschnell – visuelle Reize, Klang, Form. Die Amygdala, eine Schaltzentrale für emotionale Reaktionen im sogenannten limbischen System, springt oft als Erste an – noch bevor der Verstand überhaupt das Datenblatt gelesen hat. Psychologisch ist das der sogenannte «primäre affektive Impuls» – das Gefühl entscheidet, der Verstand rechtfertigt.
Muss es denn Liebe auf den ersten Blick sein?
Nein, wie im echten Leben kann die Liebe auch langsam wachsen. Neben dem Sofort-Klick gibt es auch die durch positive Erlebnisse «gewachsene Liebe», die «arrangierte Liebe» via Dienstwagen oder Partnerwahl und die «vererbte Liebe», wenn der Stern seit Generationen in der Garage steht. Diese Liebestypen im Konsum sind übrigens empirisch fundiert, und jeder aktiviert ein anderes psychologisches Bedürfnis, wie beispielsweise Freiheit, Sicherheit, Zugehörigkeit oder Stolz.
Geht eine Kaufentscheidung auch völlig rational, ohne Emotionen?
Theoretisch ja (schmunzelt). Praktisch? Nicht mal beim Wasserkocher. Unser Gehirn ist ein Gefühlsjunkie. Rund 95 % aller Kaufentscheidungen laufen unbewusst-emotional ab. Wir «spüren» zuerst, ob etwas passt – und rationalisieren im Nachgang.
Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern oder zwischen verschiedenen Generationen, wenn es um Kaufentscheidungen geht?
Sagen wir mal so: Der Weg zur emotionalen Bindung ist oft unterschiedlich, aber das Ziel ist dasselbe – ein gutes Gefühl. Frauen verarbeiten tendenziell ganzheitlicher: Atmosphäre, Sicherheit, Design spielen eine Rolle. Männer sind – statistisch gesehen – häufiger fokussiert auf Leistung, Technik, Prestige. Natürlich verschwimmen diese Unterschiede, besonders bei der Generation Z: Sie will Haltung – nicht nur Hubraum. Für sie sind Nachhaltigkeit, Innovation und Werte kaufentscheidend. Kurz: Status ist okay, aber bitte mit Sinn.
Kann man sich bewusst gegen emotionale Kaufentscheidungen wappnen, oder sind sie unausweichlich?
Man kann versuchen, rational zu vergleichen, Listen zu führen – aber Emotionen sind immer dabei. Menschen ohne emotionale Bewertung können gar keine Entscheidungen treffen. Also: Selbst wenn wir glauben, rational zu sein – die Gefühle waren immer schon da.
Was sagt das Auto über meine Person aus?
Mehr, als man meinen könnte. Die persönlichen Besitztümer, vor allem symbolisch aufgeladene wie Autos, gehören zum «erweiterten Selbst». Das bedeutet: Was wir fahren, ist nicht nur Ausdruck unserer Identität, es wird Teil davon. Eine Fahrerin oder ein Fahrer, der in einem kraftvollen, luxuriösen Wagen sitzt, nimmt sich oft selbstbewusster wahr, fährt anders, fühlt anders – nicht nur sprichwörtlich, sondern messbar. Studien zeigen: Schon das Sitzen in einem bestimmten Fahrzeug kann Körperhaltung, Selbstbild und Risikobereitschaft verändern. Kurz gesagt: Autos sind keine toten Objekte. Sie sind emotionale Co-Piloten, Identitätsverstärker – und manchmal auch ein bisschen Therapeuten auf vier Rädern.