Fotos: Digitale Massarbeit

Jessica Barac war 37 Jahre alt, als sie eines Morgens aufwachte und sich nicht mehr wie sich selbst fühlte. Das Gefühl verstärkte sich mit der Zeit, und damit die Angst, sich komplett zu verlieren. Dann kam die Erkenntnis: Sie war nicht verrückt, sie war in der Perimenopause!

 

Mit den Wechseljahren verbindet man Frauen wie die Golden Girls: schon etwas in die Jahre gekommen, flott unterwegs und immer einen sarkastischen Witz übers Alter auf den Lippen. Jessica Barac war Ende 30 und gerade erst Mutter geworden, als sie in die Perimenopause kam. Das ist zwar früh, aber nicht ungewöhnlich und schon gar nicht witzig. Die Symptome machten sie apathisch, deprimiert und motivationslos. Zum Schluss verlor sie ihr Selbstvertrauen. Das Schlimmste sei die plötzliche Angst gewesen, die sie in der Nacht aus dem Nichts überkam und die sie so noch nie erlebt hatte. Manchmal wurde daraus eine Panikattacke. Das sei wie ein Schlag ins Gesicht gewesen, erzählt Barac. Als sich ihr Zyklus verkürzte, redete sie mit ihrer Mutter über ihren Zustand, welche ihr von ihrer eigenen frühen Perimenopause erzählte. Barac erkannte die Zusammenhänge – alles ergab Sinn!

 

WOMEN IN BUSINESS: Was geschieht in der Perimenopause?
Jessica Barac: In der Perimenopause sinkt zunächst das Progesteron. Damit verstärken sich die PMS-typischen Symptome. Man bekommt Angst, leichte Verstimmungen, Probleme mit dem Schlafen. Als Nächstes sinkt das Östrogen und zwar ungleichmässig. Manchmal ist das Östrogen niedriger und manchmal höher im Vergleich zum Progesteron. Dieser fluktuierende Unterschied zwischen den Pegeln von Östrogen und Progesteron erzeugt die Symptome der Perimenopause.

 

In welchem Alter geschieht das durchschnittlich?
Die Menopause tritt im Westen durchschnittlich im Alter von 51 auf. Die Perimenopause ist die Zeit davor und kann zwischen zwei und zwölf Jahren dauern. Sie kann also Ende 30, Anfang 40 beginnen. Und man kann in der Perimenopause Kinder bekommen. 

 

Was sind die Symptome?
Die Symptome sind vielfältig und können Muskel- und Knochenschmerzen umfassen, vermehrtes Auftreten von Blasenentzündungen, Gelenkschmerzen, Osteoporose, Frozen Shoulder, Knorpelschäden und sogar Herzinfarkt. Hinzu kommen die urogenitalen Beschwerden, vor allem von Haut und Gewebe, wie Irritationen und Schmerzen im Genitalbereich. Zudem Wallungen, Schlafstörungen, Konzentrations- und Erinnerungsschwächen sowie Depressionen. Zudem gibt es noch so seltsame Symptome wie trockener Mund, schmerzhafte Ohren, Tinnitus, Vertigo oder trockene Augen.

 

Worauf sind diese Symptome zurückzuführen?
Sie liegen an der verringerten Produktion von Östrogen, das entzündungshemmende Wirkung auf den Körper hat. Sobald das Östrogen zurückgeht, kommt es verstärkt zu Entzündungsprozessen im Körper. Viele der Symptome haben mit den Eierstöcken nichts zu tun, sondern entstehen im Gehirn – zum Beispiel Wallungen. Sie werden durch die Temperaturregulierung im Gehirn ausgelöst. Ähnliches gilt für Stimmungsschwankungen, Depressionen, Angstzustände, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit. 

 

Es wird angenommen, dass sich während der Perimenopause der Gehirnstoffwechsel verändert und die Energiekapazität sich verringert. Zudem bewegen sich viele Frauen weniger, sei es wegen der Schmerzen oder weil sie sich einfach nicht gut fühlen, was die Symptome noch verstärkt. Dadurch geht Muskelmasse verloren und der Stoffwechsel verlangsamt sich, denn die Muskulatur treibt unseren Stoffwechsel an. Als Folge davon setzt sich mehr Fett an. Zudem entsteht eine Umverteilung des Fettgewebes von Beinen und Po hin zum Bauch, wo das viszerale Fett sitzt, das für ein erhöhtes Aufkommen von Entzündungsprozessen im Körper verantwortlich ist. 

 

Sind Depressionen ein typisches Symptom der Perimenopause oder treten sie als Folgeerscheinung auf?
Der Rückgang von Östrogen steht in direktem Zusammenhang mit dem Rückgang der Produktion von Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin und GABA – den sogenannten Glückshormonen. Und das bedeutet schlechtere Stimmung, mehr Angst und schlechten Schlaf. Doch es gibt Möglichkeiten, die Produktion von Neurotransmittern anzukurbeln.

 

Sie haben ein Onlineprogramm für Frauen in den Wechseljahren entwickelt. Was kann es?
Das 30-Tage-Programm heisst «Powerful Peri-to-Post» und unterstützt Frauen von der Peri- bis zur Postmenopause. Es lehrt Frauen, wie man sich ernährt, sich bewegt, schläft und Stress bekämpft. Zudem gibt es wöchentlich einen Gruppen-Call mit allen Teilnehmerinnen des Programms, bei dem ich die Frauen persönlich coache. 

 

Welche Ernährungsempfehlungen geben Sie im Programm?
Der Körper braucht mehr Proteine, wenn wir älter werden. Die meisten Frauen essen zu wenig davon. Dann Ballaststoffe für die Darmgesundheit, viel Gemüse und Früchte, in denen Antioxidanzien und Phytonährstoffe enthalten sind, sowie gesunde Fette. Zusammen mit wertvollen, nährstoffreichen Kohlehydraten ist der Körper optimal versorgt.

 

Und was sollte man meiden?
Alkohol verträgt sich nicht gut mit den Wechseljahren. Er bringt den Blutzucker aus dem Gleichgewicht und verursacht schlechten Schlaf. Zucker sollte man ebenfalls meiden. Er verschlimmert die Symptome der Perimenopause. 

 

Meinen Sie auch Fruchtzucker?
Früchte sind sehr wichtig, weil sie eine Menge Nährstoffe, Antioxidanzien und Ballaststoffe enthalten. Ballaststoffe und Proteine sind der Schlüssel für die Regulierung des Blutzuckers. Deshalb empfehle ich Früchte in möglichst vielen Farben. 

 

Würden Sie Nahrungsergänzungsmittel empfehlen?
Die meisten Frauen bekommen nicht genug Magnesium. Die Vitamine D3 und K2 sowie Omega-3-Fettsäuren sind wichtig für die allgemeine Gesundheit. D3 ist in sonnenarmen Gegenden oder Jahreszeiten empfohlen. Kreatin ist wichtig für Muskeln und Gehirn. Kollagen ist gut für die Haut. Zudem zeigen Forschungsergebnisse, dass eine bestimmte Art von Kollagen, Fortibone genannt, die Knochenmineraldichte verbessern kann.

 

Was halten Sie von Hormonersatztherapie?
Es ist ein wichtiges Thema, über das jede Frau mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt sprechen sollte. Am besten mit einer spezialisierten Fachperson für Wechseljahre. Für manche Frauen ist die Hormonersatztherapie lebensverändernd und bei anderen hilft sie nicht. 

 

Sie haben auf Instagram fast eine Million Follower. Wie haben Sie diese Community aufgebaut?
Viele Frauen werden ignoriert, wenn sie in die Perimenopause kommen. Sie werden nicht ernst genommen und sind allein mit ihren Sorgen und Ängsten. Ich höre den Frauen zu und spreche über ihre Anliegen und Wünsche. Sie können mich alles fragen, was sie interessiert und was sie wissen wollen. Aus diesen Themen schaffe ich den Content. Zudem teilen Wissenschaftler und Profis ihr Wissen auf der Plattform. Aber wahrscheinlich ergibt sich mein Erfolg auch aus der Art, wie ich das Thema angehe: mit einer gewissen Leichtigkeit und mit Humor. Manche Inhalte sind wirklich lustig. Einige Frauen, die viel durchmachen, sagen: «Danke, dass du mit mir darüber lachst – es fühlt sich ja schon hoffnungslos genug an.» 

 

Was gibt die Community den Frauen?
Die Community hilft den Frauen, sich mit ihren Problemen weniger einsam zu fühlen. Sie fühlen sich miteinander verbunden und unterstützen sich gegenseitig. Es geht darum, einen Platz für Frauen zu schaffen, wo sie sich sicher und verstanden fühlen. Als ich anfing, hat man auch unter Freundinnen nicht so viel über die Wechseljahre gesprochen. Jetzt ist das Thema zumindest bei den Frauen angekommen. Ich bin stolz darauf, dass ich einen Teil dazu beitragen konnte.

 

Und was gibt die Community Ihnen?
Der ganze Sinn meines Lebens ist aus dieser Community entstanden. Ich habe einen wöchentlichen Call mit allen Frauen in meinem Programm. Das ist ein Kreis von Frauen, die kämpfen und sich beweisen, für sich einstehen, Verantwortung für ihr Leben übernehmen und die eine grössere Vision für ihr Leben haben, als Probleme zu haben – die Arbeit mit diesen Frauen bringt Licht in meine Seele. Ich habe in dieser Community meine Mission und mein Ziel gefunden. 

 

Am 1. Oktober 2025 sind Sie Speakerin am She’s Mercedes Event «Unlocking women’s health – thriving through every phase» in Zürich. Was bewegt Sie dazu, Teil dieses Events zu sein?
Zunächst einmal fühle ich mich sehr geehrt, dass ich die Gelegenheit erhalte, an diesem She’s Mercedes Event zu sprechen. Allein die Tatsache, dass Sie dieses Thema gewählt haben und die Diskussion darüber vorantreiben, beweist, was für ein bahnbrechendes Unternehmen Mercedes-Benz ist. Es ist mir eine besondere Freude, darüber zu sprechen, dass die Perimenopause und die Wechseljahre trotz so vieler negativer Aspekte eine wunderbare Gelegenheit sein können, eines der erfülltesten und schönsten Kapitel im Leben zu werden. 

 

Was können die Teilnehmerinnen des Events von Ihrem Vortrag erwarten?
Ich werde wichtige Erkenntnisse dazu vermitteln, wie man sich in den Wechseljahren ernähren und bewegen sollte, um den Nebel im Gehirn loszuwerden, die Stimmung zu verbessern und die Gewichtszunahme in den Wechseljahren rückgängig zu machen. Ich glaube, viele Frauen befinden sich in dieser Lebensphase und haben nichts an ihrer Ernährung und ihrem Lebensstil geändert – und plötzlich stellen sie fest, dass sie zehn Kilogramm zugenommen haben und nachts nicht mehr durchschlafen können.Wir sind in einer besseren Position, als wir glauben, die Kontrolle über unseren Körper, unseren Geist, aber auch über unser Leben zurückzuerlangen. Ich freue mich sehr darauf, dies im Rahmen der Veranstaltung zu vermitteln. 

 

Was war Ihr erstes Auto? 
Mein erstes Auto war ein Hyundai XL.


Welche Beziehung hatten Sie zu diesem Auto? 
Meine Mutter hatte mir das Auto zu meinem 18. Geburtstag geschenkt. Das Auto bedeutete Freiheit, denn es gab mir Unabhängigkeit. Ich drehte jeweils das Radio auf laut, wenn meine Lieblingsmusik spielte, sang mit und fuhr so durch die Gegend. Es gibt so viele tolle Erinnerungen an dieses Auto, weil ich mich zum ersten Mal in meinem Leben frei gefühlt habe.