«Elektromobilität ist ein Zehnkampf, den man nicht in einer Disziplin gewinnt»

Elektroautos sind längst der Nische entfahren. Heute gehören sie zum Portfolio jedes Autoherstellers – und werden dieses in absehbarer Zeit dominieren. Doch tut die Branche wirklich genug, um der Elektromobilität rasch zum Durchbruch zu verhelfen? Marc Langenbrinck, CEO von Mercedes-Benz Schweiz, nimmt Stellung zu fünf Vorwürfen, die er immer mal wieder zu hören bekommt.


9. Juli 2021

Vorwurf 1

Es fehlt an Überzeugung

Vorwurf 1

Es fehlt an Überzeugung

Autohersteller setzen nicht aus Überzeugung auf Elektromobilität, sondern aus rein finanziellen Überlegungen. Der CO2-Ausstoss von Autos kommt sie schlicht zu teuer zu stehen!
Was für uns zählt, ist der Kundenwunsch. Nur wenn wir den erfüllen, sind wir als Autohersteller nachhaltig erfolgreich. Die Elektromobilität ist ein ökologisch sinnvoller, politisch und gesellschaftlich unterlegter Wille in Europa und in der Schweiz – und zunehmend auch ein Wunsch unserer Kunden. Unsere Industrie hat sich daher absolut dem Ziel verschrieben, eine CO2-neutrale individuelle Mobilität zu ermöglichen. Mercedes-Benz hat das Auto erfunden, und wir erfinden es jeden Tag wieder neu, indem wir es weiterentwickeln und bezüglich Ressourcenverbrauch optimieren. Daimler investiert in den nächsten vier Jahren nicht weniger als 70 Milliarden Euro in Digitalisierung und Elektromobilität. Diese Summe, in etwa die aktuelle Marktkapitalisierung unseres Unternehmens, zeigt, dass es uns absolut ernst ist mit unserer Ambition: Wir wollen bis 2039 vollständig CO2-neutral sein – in Entwicklung, Zulieferung, Produktion, Vertrieb und Fahrzeugflotte. In Europa produzieren wir übrigens schon nächstes Jahr CO2-frei. Entscheidend für den Erfolg der Elektromobilität bleiben aber Markt und Nachfrage.

Vorwurf 2

Das Tempo ist zu gering

Vorwurf 2

Das Tempo ist zu gering

Das Tempo, mit dem leistungsfähige und erschwingliche Elektroautos auf den Markt kommen, ist viel zu gering. So wird das nichts mit einem raschen Durchbruch!
Am Fahrzeugangebot wird dieser Durchbruch definitiv nicht scheitern. Ein Blick auf unsere diesjährigen Weltpremieren der vollelektrischen EQA, EQB, EQS, EQE und Vision EQT spricht eine deutliche Sprache. Bis übernächstes Jahr werden wir in jedem für unsere Kunden relevanten Segment ein vollelektrisches Modell haben. Darüber hinaus bieten wir rund 30 Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge mit bis zu 100 Kilometern elektrischer Reichweite an. Wir tun als Hersteller enorm viel, um die Elektromobilität zu fördern – mit unseren Fahrzeugen und mit Services rund ums Thema Laden. Von unseren Kunden hören wir, dass sie Spass haben mit unseren vollelektrischen Fahrzeugen, und diese auch preislich interessant sind. Zweifel gibt es aber an der Peripherie – also an der Ladeinfrastruktur und den Bedingungen fürs elektrische Fahren. Der Durchbruch der Elektromobilität ist ein Zehnkampf. Wir Hersteller bringen in unseren Disziplinen Höchstleistungen. Der Fitnessgrad der übrigen Beteiligten in deren Disziplinen reicht aber noch nicht aus.

Vorwurf 3

Plug-in-Hybride sind eine Mogelpackung

Vorwurf 3

Plug-in-Hybride sind eine Mogelpackung

Als Übergangslösung präsentieren die Hersteller Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge. Werden diese nicht konsequent geladen, ist ihre CO2-Bilanz aber himmeltraurig.

Ja, die CO2-Bilanz eines solchen Autos hängt vom Verhalten seines Besitzers ab. Wo ist da das Problem? In der Schweiz legen wir grossen Wert auf die Verantwortung des Einzelnen. Gleichzeitig sind wir stolz auf unsere wunderschöne Natur und wollen sie schützen. Und ausgerechnet hierzulande soll der Hersteller eines Plug-in-Hybrid-Fahrzeuges dafür Verantwortung tragen, dass dessen Fahrer sein Auto regelmässig mit Strom lädt? Das leuchtet mir nicht ein. Ich bin zudem davon überzeugt, dass Plug-in-Hybrid-Modelle als Langstreckenfahrzeuge absolut ihre Berechtigung haben. In Kombination mit einem ökologisch hervorragenden Dieselmotor sind selbst für grössere Modelle kombinierte Verbrauchswerte deutlich unterhalb der aktuellen Verbrauchsgrenzen möglich. Kommt dazu, dass bei Plug-in-Hybrid-Modellen die Ladeinfrastruktur zu Hause weniger relevant ist. Will heissen: Eine Haushaltsteckdose genügt in den meisten Fällen.

Vorwurf 4

E-Autos sind unattraktiv

Vorwurf 4

E-Autos sind unattraktiv

Das Handling von Elektroautos ist heute noch zu kompliziert. Zu geringe Reichweiten, kompliziertes Laden und überfordernde Technik im Cockpit machen E-Autos unattraktiv!

Das ist schlicht falsch! Wer sich von Bargeld auf Twint umgewöhnt hat oder von der Telefonzelle aufs Smartphone, der schafft auch die Umstellung aufs Elektrofahrzeug – und auf Laden statt Tanken. Mein 82-jähriger Vater hat das sehr souverän hingekriegt und ist absolut begeistert. Unsere Mercedes-EQ Fahrzeuge gleichen jenen mit Verbrennungsmotor so stark, dass man sich hinterm Steuer sofort zu Hause fühlt. Das meiste ist selbsterklärend. Und dank digitaler Services ist die optimale Routengestaltung, das Freischalten von Ladesäulen und das Tanken selber ein Leichtes. Mit 420 bis 770 Kilometern elektrischer Reichweite sind unsere aktuell bestellbaren EQ Modelle zudem absolut alltagstauglich. 

Vorwurf 5

Baut endlich die Ladeinfrastruktur aus

Vorwurf 5

Baut endlich die Ladeinfrastruktur aus

Die Autohersteller schieben den schwarzen Peter in Sachen Ladeinfrastruktur immer den anderen zu, statt selber mehr dafür zu tun!

Niemand käme auf die Idee, sich bei seiner Automarke zu beschweren, wenn die Tankstelle nicht funktioniert. Warum führen wir dieses Argument beim Strom? Wir Automobilhersteller haben unseren Teil der Verantwortung angenommen: Wir produzieren attraktive und alltagstaugliche Autos und bieten sie gemeinsam mit unseren Händlern schweizweit unseren Kunden an. Mit unserer Mercedes-Benz Wallbox ermöglichen wir sogar den einfachen Anschluss ans Stromnetz. Aber der Durchbruch der Elektromobilität ist ein Zehnkampf, den man nicht in einer Disziplin gewinnt. Gefordert sind alle Beteiligten, auch die Stromproduzenten, die einen nachhaltigen Energiemix und ein leistungsfähiges Verteilnetz garantieren müssen. Gefragt ist der Staat, der Normen festlegen muss, damit mehr Lademöglichkeiten zu Hause und am Arbeitsplatz geschaffen werden. Verantwortung übernehmen müssen auch die Städte und Gemeinden, die das elektrische Fahren in ihren Quartieren mit mehr Lademöglichkeiten und günstigen Strompreisen attraktiv machen müssen. Ich bin überzeugt: Wenn Unternehmen, Staat und Bevölkerung jeweils ihren Teil der Verantwortung übernehmen, gewinnen wir gemeinsam diesen Zehnkampf.