Ihre Taschen fallen auf – auf der Strasse, an der Fashion Week sowie in der Serie «Emily in Paris», in der drei Thaden-Taschen ihren Auftritt hatten. Im Gespräch erzählt Kristina Thaden von den Botschaften hinter der Marke Thaden und wieso sich ihre Kreativität nicht auf Taschen beschränkt.
Kristina Thaden ist so vielfältig wie ihre Taschen. Geboren und aufgewachsen in Köln, lebt sie heute in der Schweiz. Sie studierte Schauspiel und Regie, arbeitete als Sprecherin, Schauspielerin und Regisseurin und schrieb Theaterstücke. Ein Nebenjob führte sie in die Marktforschung, wo sie ins Projektmanagement aufstieg. Weitere Stationen ihrer Karriere waren: Hochschuldozentin für Kommunikation für Wirtschaftspsychologinnen und -psychologen, Coach in der Unternehmensberatung und schlussendlich Mitglied der Geschäftsleitung sowie des Verwaltungsrats eines Schweizer Bauunternehmens. Der Wechsel kam kurz vor der Pandemie. Thaden merkte: Sie musste weg vom klassischen Management und zurück zur Kunst. 2020 gründete sie das Taschenlabel Thaden. Heute designt sie aufsehenerregende Taschen und nutzt die gewonnene Sichtbarkeit, um als Keynote-Speakerin die Botschaften zu vermitteln, die ihr wichtig sind. An erster Stelle steht Female Empowerment.
WOMEN IN BUSINESS: Sie haben sich viele Jahre mit Unternehmensführung befasst, bevor Sie Taschen kreiert und Thaden gegründet haben. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Kristina Thaden: In grossen Zusammenhängen zu denken, schnell zu denken und zu handeln, Micromanagement abzubauen, Mitarbeitende zu «Unternehmerinnen und Unternehmern im Unternehmen» zu befähigen. Ich durfte lernen, einerseits Dinge loszulassen und finanzielle Verluste abzuschreiben, andererseits Risiken einzugehen, die mich teilweise schwindelig machten. Innovatives Unternehmertum funktioniert nicht ohne Risiko.
Was sind Ihre Anliegen aus Sicht des weiblichen Unternehmertums?
Frauen lassen sich leichter von sozialen Normen einschränken oder abschrecken. Ich denke, wir sind immer noch nicht an dem Punkt, an dem wir genug sichtbare Unternehmerinnen haben, die den starken Mehrwert von weiblich geführten Unternehmen verdeutlichen. Es braucht mehr Role Models – mehr Frauen in der Führung von Unternehmen, die gesellschaftlich und politisch etwas einfordern. In meinen Teams musste ich Frauen oft erst auf ihre Fähigkeiten und Wachstumschancen hinweisen. Entfaltung braucht ein Gefühl von Sicherheit. Dieses zu gewährleisten, verstehe ich als meine Aufgabe im Umgang mit talentierten Mitarbeiterinnen.
Was ist Ihnen als Inhaberin von Thaden wichtig?
New Luxury. Das heisst für mich Transparenz. Der Luxusmarkt ist ein Milliardenmarkt und in vielen Aspekten intransparent, insbesondere für die Kundschaft. Luxus ist ein Bedürfnis, und daran wird sich nichts ändern. Änderbar ist, wie sich Luxusmarken aus intrinsischer Motivation aufstellen. Am besten lässt sich das System von innen heraus ändern.
Wie wollen Sie das bewerkstelligen?
Das grosse Ganze zu ändern, ist mir nicht möglich. Aber ich kann versuchen, die Menschen, die dem Luxus zugewandt sind, für die Werte von Thaden zu gewinnen. Nachhaltigkeit bedeutet auch faire Arbeitsbedingungen. Ich produziere zum Beispiel mit Stolz in Rumänien, wo es eine lange Tradition hoher Handwerkskunst gibt – und das zu denselben Produktionskosten wie in Italien. Seit Jahrzehnten lassen viele grosse Marken in Rumänien produzieren und schicken dann die halbfertigen Teile nach Italien, damit «Made in Italy» auf dem Label steht. Das finde ich irreführend und intransparent. Auf meinem Label steht «Proudly made in Romania».
Was war Ihr Antrieb, Taschen zu kreieren?
Mut und die Bereitschaft, meinem Herzen zu folgen. Die Wechsel und das positive Spannungsfeld zwischen Management, Ordnung und Chaos finde ich enorm reizvoll. Ein starker Antrieb ist die Kreativität. Sie ist wie fliessendes Wasser. Meine Kreativität ist nicht beschränkt auf Taschen. Als Theaterregisseurin habe ich Theaterstücke geschrieben, zurzeit schreibe ich an einem Roman. Ich habe schon immer Skulpturen kreiert und gezeichnet. Die Idee für meinen ersten Taschenentwurf kam mir eines Nachts in einer Bar in Palm Springs auf einem Hügel mit Blick ins Tal. Der Halbmond war klar zu sehen, und die gebogene Form inspirierte mich. Durch meine Ausbildung in Improvisation bin ich darin geübt, aus etwas Vorhandenem etwas Neues zu kreieren, eine Form neu zu denken. Da hatte ich die Eingebung: Ich mache jetzt Taschen. An diesem ersten Impuls bin ich drangeblieben und habe die Tasche «The Moon» designt, die heute als «The Little Rocket» bekannt ist.
Wie waren die Anfänge von Thaden?
Ich habe Thaden im Alter von vierzig Jahren gegründet, ohne eine Ahnung von Handtaschen zu haben und ganz ohne Netzwerk in der Fashion-Welt. Ich war noch nicht einmal eine Handtaschen-Liebhaberin. Alles, was ich hatte, waren meine technischen Designs und ein sehr gutes Non-Disclosure Agreement, um meine Ideen zu schützen. Ich befand mich lange Zeit in Diskussionen über Leder und die Konstruktion von Taschen – weitgehend ausserhalb meiner Wissensblase – und musste so tun, als hätte ich Ahnung, um ernst genommen zu werden.
Was ist das Narrativ hinter der Thaden-Kollektion?
Bei allen Designs sind mir zwei Botschaften wichtig: Erstens sind meine Taschen tragbare Skulpturen, und zweitens spiegeln sie mit ihrer komplexen Form die Vielfältigkeit jeder Frau wider. Wir Frauen sind Heldinnen. Und Heldinnen brauchen etwas, das sie auf kraftvolle, präsente Weise widerspiegelt. Wenn man mit «The Whole» in einen Raum geht, wird man wahrgenommen. Ich finde es schön, Sichtbarkeit zu schaffen.
Welche Geschichten erzählen die drei Taschen?
Eigentlich waren in der skulpturalen Core Collection vier Taschen geplant. Zuerst kam das vom Mond inspirierte Modell «The Little Rocket». Dieses sah anfangs ganz anders aus, eher wie eine Bowling-Tasche, doch der Boden hatte bereits die charakteristische Rundung. Bei der jetzigen Version von «The Little Rocket» sind alle Kurven designtechnisch identisch. Zudem erinnert die neue Version an die Zahl Acht – eine Anspielung auf Infinity und die weiblichen Kurven. Dann kam die Signature-Tasche «The Whole», die von der japanischen Philosophie des «Ma», dem Raum zwischen den Dingen, inspiriert ist. Sie versinnbildlicht Licht und Schatten, Höhen und Tiefen und vor allem: die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit.Ein wenig später folgte dann die dritte Tasche «The Love Curve», deren Griffe ein Herz formen – ein Symbol für die Liebe zu sich selbst und zu anderen. Die vierte Tasche kommt im September auf den Markt. Die technischen Zeichnungen für dieses Modell, das in der Herstellung ebenfalls sehr herausfordernd ist, gehen auf das Jahr 2020 zurück.
Welche Frauen tragen Thaden-Taschen?
Alter, Style, Auftreten – hier gibt es kein Schema. Wenn man eine Thaden-Tasche trägt, macht sie etwas mit einem. Für schüchterne Persönlichkeiten wirkt sie wie ein Transmitter, der Sichtbarkeit verleiht. Für selbstbewusste Frauen ist sie ein Multiplikator. Ausserdem erhält man Feedback von aussen. Während der Pariser Fashion Week 2022 habe ich zum Beispiel «The Whole» in der grossen Version in Rosé getragen und wurde an diesem Tag 22-mal darauf angesprochen.
Die Taschen sind auch den Produzenten von «Emily in Paris» aufgefallen. Was hat der Auftritt in der Serie für Ihre Marke bedeutet?
Das war keine bezahlte, sondern eine organische Partnerschaft. Für Marylin Fitoussi, die Kostümbildnerin von «Emily in Paris», ist es wichtig, Marken zu entdecken und zu unterstützen. In der letzten Staffel wurden drei Taschen geshootet, was aussergewöhnlich ist. Unser Bestand war sofort ausverkauft. Das war ein toller Booster. Glücklicherweise kann ich die Produktion stark hochskalieren, obwohl die Taschen eine lange Produktionszeit haben. Die grosse Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit, die die Marke erhalten hat, kann ich nutzen, um meine damit verbundenen Anliegen zu vermitteln. Die Welt braucht keine weitere Handtaschenmarke. Sie braucht Marken mit Mehrwert und einer echten Botschaft.
Was sind Ihre neusten Projekte/Launches?
Im September launchen wir die neue Tasche, die die Core Collection tragbarer Skulpturen komplettiert. Danach folgen Shopper, Tote und Laptop-Tasche. Zudem launchen wir eine Contemporary-Marke mit einem anderen Namen und eigenem Design-Universum. Dank der einfachen Designsprache ist die Kollektion weniger teuer in der Herstellung und somit in einem niedrigeren Preissegment angesiedelt. Des Weiteren starten gegen Ende des Jahres sowohl unser Podcast «Thadens Soul Models» als auch eine Eventreihe.
Sie sind am 12. September Speakerin des She’s Mercedes AMG Driving Event in Zürich. Was bewegt Sie dazu, Teil dieses Events zu sein?
She’s Mercedes hat eine starke Strahlkraft. Der Name steht für perfekt ausgearbeitete Events mit Powerthemen für Frauen, kombiniert mit Fahrspass – etwas, das für Frauen lange nicht auf der Agenda war. Mercedes und ich haben diesen Event zusammen ausgearbeitet, und es hat mich sehr gefreut, dass der Fokus auf den Teilnehmerinnen lag. Wir haben lange überlegt, welcher Mehrwert und welche Erlebnisse bereichernd sind für Unternehmerinnen. Was können sie daraus mitnehmen, was stärkt sie, was hallt nach? Ich sehe in jeder Frau eine Unternehmerin, sei es im Job, im Leben, in der Familie – alles ist eine Form von Management.
Was können die Teilnehmerinnen des Events von ihrer Keynote erwarten?
Einen offenen Einblick in meinen Werdegang, insbesondere mit dem Label Thaden. Dieser war so viel herausfordernder, als ich je vermutet hätte, und hat mich nicht selten an den Rand der Verzweiflung gebracht. Ich erkläre, warum man nach dem Hinfallen nicht sofort wieder aufstehen muss und dass das Denken ans Aufgeben die Gedanken ordnet. Warum Weitermachen ohne Erfolg ein Erfolg ist, weshalb gesunde Arroganz gut ist, wie Resilienz erlernbar ist und warum man nicht das tougheste, aber sicher das zäheste Cookie sein sollte, um als Unternehmerin durchzuhalten. Warum Stoizismus eine der besten Eigenschaften ist. Und warum nach Rückschlägen automatisch wieder Schritte nach vorne folgen.
Sie arbeiten schon länger mit She’s Mercedes zusammen. Wie beurteilen Sie persönlich die Initiative?
Grossartig, mehr davon! She’s Mercedes hört hin und greift die Themen auf, die uns Frauen wirklich interessieren. Zudem wird ein Ort für Austausch und Netzwerken geschaffen – etwas, in dem wir Frauen noch besser werden dürfen. Seilschaften – etwas, das Männer schon immer gepflegt haben – sind für mich ein positiver Begriff: Wir unterstützen uns, sichern uns gegenseitig und helfen einander auf und über den Berg.
Welches war Ihr erstes Auto?
Ich habe erst mit 30 den Führerschein gemacht. In Köln war kein Auto nötig, ich habe alles mit dem Fahrrad oder zu Fuss gemacht. Ich bin dann viel mit dem Land Rover Defender meines damaligen Partners gefahren, auch mit seinem Unimog – tolle, echte Fahrerlebnisse. Mein erstes Auto war dann ein Audi A4, Baujahr 2008.
Wie ist Ihr Verhältnis zum Auto?
Ich liebe Autos, und ich fahre gerne Auto. Das Auto ist einer der besten Orte zum Nachdenken. Ich habe mal gehört, dass Menschen im Auto gut denken, Lösungen finden und Ideen entwickeln können, da ein Teil des Gehirns beschäftigt und auf Autopilot ist, sodass der andere Teil ruhig und klar arbeiten kann.
Generell liebe ich Oldtimer, gehe auch in Automuseen oder auf Oldtimer-Veranstaltungen, wie zum Beispiel die Classic Days im Rheinland – Goodwood wäre auch einmal toll. Ich muss gar nicht schnell fahren, aber Beschleunigung ist toll.
Text: Simone Liedtke für Women in Business (Magazinausgabe Oktober 2025)