Emilie West war erfolgreiche Investmentbankerin, liebte ihren Job über alles, bis sie es eines Tages nicht mehr aus dem Bett schaffte. Die Diagnose: Fatigue-Syndrom. Die Mediziner rieten ihr, sich damit abzufinden und sich im Leben neu einzurichten. Das war für sie keine Option. Emilie suchte und fand den Weg zurück in ihr energiegeladenes Leben. Nun ist sie selbstständig, coacht Frauen und Männer, die in ihrer Karriere etwas ändern möchten.
WOMEN IN BUSINESS: Emilie, wie wird aus einer Investmentbankerin ein Coach?
Emilie West: Ich bin ins Investmentbanking eingestiegen, weil ich Spass und eine gute Karriere haben wollte und habe sehr hart gearbeitet, zu hart: Mit 24 Jahren wurde bei mir chronische Müdigkeit diagnostiziert. Behandlungsmöglichkeiten gab es damals keine, nur Empfehlungen, wie ich mit diesem Zustand umgehen soll. Man sagte mir, ich müsse einen Weg finden, damit klarzukommen, was ich nicht so hinnehmen wollte, ich liebte meinen Job. Ich habe angefangen, mich für mein eigenes Wohlbefinden zu interessieren, habe vieles geändert und konnte zurück zur Arbeit und meine Karriere weiterverfolgen. In einer Abendschule habe ich daneben einen Abschluss zum Thema Ernährung gemacht.
Warum das?
Ich konnte nicht glauben, wie gut ich mich erholt habe, nachdem ich angefangen hatte, auf die Ernährung und meinen Lebensstil zu achten. Es hat mein Leben verändert. Vor acht Jahren habe ich mich mit meinem Know-how und meiner Erfahrung als Coach selbstständig gemacht, führe Einzelgespräche, berate kleine Unternehmen, halte Vorträge und Online-Sessions.
Gab es abgesehen von Ihrer Diagnose Schlüsselmomente oder Schlüsselgedanken auf Ihrem Berufsweg?
Ja. Der erste war, ehrlich zu mir selbst zu sein. Wie viele Menschen habe ich mich sehr von Botschaften von aussen leiten lassen, insbesondere von meinen Eltern wie «nimm einen sicheren Job und verlasse ihn nie».
Sie haben sich davon definitiv emanzipiert.
Das fiel mit meinem Unwohlsein zusammen: Warum geht es mir nicht gut? Was kann ich gut und was will ich? Diese Fragen zu beantworten, ist mir schwergefallen wegen all dem, was ich im Kopf hatte, zu wie und was ich sein sollte. Das war der erste Schritt zur Erkenntnis.
Dazu muss man erst einmal bereit, seine Komfortzone zu verlassen.
Stimmt, wobei das mit dem Komfort rasch relativ werden kann.
Andererseits: Ausserhalb der Komfortzone geschieht oft die Magie, nicht wahr?
Zuerst braucht es eine Menge Mut und Disziplin, denn ausserhalb der Komfortzone warten Dinge, die man nicht kennt, bislang vermieden hat oder nicht mochte und dann hat man eben diese eingetrichterten Glaubenssätze. Es brauchte einiges, ja zu sagen zu meinem eigenen Weg.
Ihre Firma heisst Alchemie Coaching. Warum der Name?
Bei Alchemie geht es um Transformation und bei meiner Arbeit auch. Beispiel Selbstvertrauen: Das Thema taucht bei mir immer wieder auf. Es gibt Menschen, die sehr fähig sind, das aber nicht ausstrahlen. Andere vergleichen sich mit den Falschen. Tendenziell schätzen wir das, was wir nicht gut können, höher ein als das, was wir von Natur aus gut können. Wer sich auf seine Gaben konzentriert, kann erfolgreich und produktiv sein und sein Selbstvertrauen stärken. Dabei helfe ich Menschen.
Leichter gesagt als getan?
Nicht generell. Mit manchen Leuten führe ich ein Gespräch, sie schaffen einen Perspektivenwechsel und der Groschen fällt. Bei anderen dauert es, weil die Negativität tief in ihnen verwurzelt ist. Vielleicht hatte man sehr kritische Eltern, ist es gewohnt nach Schwächen zu suchen und es nützt nicht viel, wenn man einem sagt, man sei grossartig.
Wer wendet sich an Sie?
Sehr viele Menschen, die ihren Job mögen, aber gern weniger gestresst wären oder solche, die besser werden wollen. 20 Prozent meiner Kunden kommen und sagen: Ich will das nicht mehr machen, sondern etwas ganz anderes, aber ich weiss nicht, was.
Also kann man mit Ihnen seine Bestimmung und den Traumjob finden?
Das ist das Ziel, nicht das Versprechen. Der Aspekt, anderen zu helfen, ist für mich wichtig, das ist einer meiner Treiber.
Sie haben gerade ein Buch publiziert mit dem Titel «Maximum you – Embrace the power of being yourself.» Klingt vielversprechend.
Es ist ein Selbstcoaching-Buch. Ich habe mich gefragt, was ich mit den Leuten teilen möchte. Es gibt natürlich ein grosses Kapitel über Gesundheit. Und dazu mein Wissen darüber, was ausser Ernährung, genug Bewegung und Schlaf wichtig ist, um sich erfüllt zu fühlen und sein bestes Selbst zu sein. Das Buch ist voller effektiver praktischer Übungen.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Ich denke, dass die Menschen so sehr damit beschäftigt sind, beschäftigt zu sein, dass sie sich keine Zeit zum Nachdenken nehmen und keine Zeit mit sich selbst verbringen, um sich selbst kennen zu lernen. In diesem recht kleinen Buch habe ich so viel Nützliches packen können.
Ich habe in einer Kritik gelesen, dass Sie zu viele schwierige Fragen stellen …
Man kann auf dem Weg bleiben, der einem vorgespurt worden ist. Die Dinge zu hinterfragen, ist nicht für jeden etwas. Meine Fähigkeit als Coach besteht darin, dass ich die Menschen dort abhole, wo sie sind, und es gibt Menschen, mit denen ich in der ersten Woche sehr tiefgreifende Gespräche führe, und andere, bei denen wir uns nur mit etwas ganz Kleinem und Praktischem als erstem Schritt beschäftigen.
Eines Ihrer Steckenpferde ist das Schlagwort der Stunde: Longevity. Wie ist Ihr Ansatz?
Für mich bedeutet Longevity, sein Leben so zu leben, dass es die meiste Zeit gesund und angenehm ist, egal wie lang es ist. Es gibt andere, die jeden Tag in Eisräumen sitzen, in die Infrarotsauna gehen, Stammzellenbehandlungen durchführen, weil sie 120 werden wollen.
Was sind Ihre Longevity-Tipps?
Für mich gehört zu Longevity, dass man die geistige und körperliche Belastbarkeit hat, um weiter zu arbeiten, und zwar Arbeiten weit gefasst. Es geht darum, produktiv zu sein, einen Beitrag zu leisten und sich nützlich zu fühlen. Und dafür muss man auch entsprechend leben.
Wie meinen Sie das?
Letzte Woche habe ich einen Workshop zu diesem Thema gehalten und gesagt, dass unser Arbeitsleben in erster Linie ein Marathon ist, kein Sprint. Aber viele Leute verhalten sich so, als wäre es ein Sprint. Also nehmen sie Koffein und Zucker zu sich und schlafen nicht. Das kann man nicht 60 Jahre lang tun, ohne dass es Konsequenzen hat. Und eigentlich, sagte ich, ist es nicht einmal ein Marathon. Es sind mehrere Marathons hintereinander. Für mich geht es daher darum, den Menschen zu helfen, körperlich und geistig so belastbar zu sein, dass sie jedes Jahrzehnt geniessen und in jedem Jahrzehnt ihres Lebens einen Beitrag leisten können.
Wie wichtig ist dabei Ihr Kernthema Ernährung?
Es ist der zweite wichtige Aspekt neben dem Lifestyle. Aber wenn ich über Ernährung spreche, verwende ich ein sehr einfaches Modell. Das Altern ist im Grunde genommen ein Feuer, das in Ihrem Körper brennt, je schneller es brennt, desto schneller altern Sie. Es geht also darum, das Feuer mit Bedacht zu füttern und immer wieder mit Wasser zu beruhigen.
Was sind die gefährlichen Zündstoffe?
Raffinierter Zucker entfacht das Feuer blitzschnell. Wenn Sie ein wirklich langes und gesundes Leben führen wollen, verzichten Sie darauf und zwar ganz. Ich habe entschieden, das nicht so zu machen: Ich bin Schokoholikerin und esse Schokolade, aber in Massen. Das gleiche gilt für Alkohol, von dem die meisten Leute zu viel konsumieren. Diese Genüsse gleiche ich jeweils aus, esse viel Obst und Gemüse, trinke viel Wasser und schlafe viel. Es gibt Dinge, die das Feuer schüren. Zu wenig Bewegung und zu viel Bewegung können das Gleiche bewirken: Beides schadet dem Körper.
Studien belegen, dass das beste Mittel, um gesund und froh zu altern, das soziale Umfeld ist.
Freunde und soziales Miteinander sind sehr wichtig für das Wohlbefinden. Interessanterweise müssen es nicht einmal Menschen sein, die man kennt. Und man muss sie nicht mal mögen, was ich interessant finde.
Das mit den Unbekannten mag sein. Aber echte Substanz braucht echte Freundschaften.
Freundinnen und Freunde sind unsere Wahlfamilie. Diese Beziehungen halten oft länger als jede romantische Beziehung. Sich Zeit für seine Freunde zu nehmen ist wichtig, worüber ich in meinem Buch ein ganzes Kapitel schreibe. Was ich den Menschen wirklich vermitteln möchte, ist, wie wichtig es ist, über das eigene Leben in diesen Jahrzehnten nachzudenken und sicherzustellen, dass man jetzt Entscheidungen trifft, die sich in der Zukunft auszahlen werden.
Text: Lisa Vögele für Women in Business